Hier wird Literatur eingeschweißt

Parthenon der Bücher: VW-Azubis tüten documenta-Kunst ein

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Vor dem Fridericianum: Hier wächst täglich der Parthenon mit den von den VW-Azubis eingepackten Büchern.  

Kassel/Baunatal. Auszubildende im VW-Werk Kassel in Baunatal helfen bei der Vorbereitung des documenta-Kunstwerks Parthenon der Bücher. 

Vanessa Hartmann hat in den verbotenen Büchern schon geblättert. Die 17-jährige Auszubildende im VW-Werk Kassel in Baunatal hat dabei unter anderem entdeckt, dass Teile der Zeilen von Ould Slahis Buch „Das Guantanamo-Tagebuch“ geschwärzt sind. „Da sind viele Wörter weggestrichen“, sagt die 17-Jährige nachdenklich.

Vanessa Hartmann zeigt, dass sie sich auch inhaltlich mit dem documenta-Kunstwerk „Parthenon der Bücher“ der Argentinierin Marta Menujin auseinandersetzt. Über 50.000 irgendwo in der Welt verbotene Bücher sollen in diesen Tagen gesammelt und in dem dem Athener Parthenon-Tempel nachempfundenen Kunstwerk aufgehangen werden. Gemeinsam mit vielen anderen Azubis der VW-Akademie hilft die Baunatalerin beim Einschweißen der Literatur. Rund 30 000 Bücher sind schon durch deren Hände gegangen.

Die Auszubildenden Leonard Wille und Vanessa Hartmann bereiten Bücher für das Kunstwerk "Parthenon der Bücher" vor.

Auch ein englischer Harry-Potter-Band, Goethes „Klassische Dramen“ und „Grimms Märchen“ seien dabei gewesen, berichten Leonard Wille (20), Franziska Beez (18) und David Jäger (18). Die angehenden Industriemechaniker von Volkswagen haben die zum Teil in Mengen von Verlagen, aber auch von Privatleuten gespendete Literatur in Folien eingepackt, diese luftdicht und wetterfest vakuumiert, gelocht, mit Kabelbindern versehen und schließlich in Gitterboxen für den Transport zum Fridericianum bereitgestellt. Acht Wochen arbeiten täglich zehn VW-Azubis mit, damit der Parthenon pünktlich zum documenta-Auftakt am 10. Juni fertig ist.

Zuvor werde jeder Titel von der documenta GmbH geprüft, erläutert VW-Sprecher Heiko Hillwig. Bei VW bekomme dann jedes Buch einen Stempel und werde damit für das Kunstwerk frei gegeben.

Im "Guantanamo-Tagebuch" von Ould Slahis sind einige Wörter geschwärzt

Es sei etwas Besonderes für VW, nicht nur als Hauptsponsor bei der documenta dabei zu sein, sondern auch Kunst aktiv zu unterstützen, betont VW-Personalleiter Dr. Michael Ritter. Und Betriebsrätin Alexandra Daum ergänzt: „Es ist etwas anderes als die Ausbildung. Es ist einfach gut für junge Menschen, sich kritisch mit Literatur auseinanderzusetzen.“ Stellvertretender Akademie-Leiter Andreas Reiss schlägt dennoch den Bogen zwischen Arbeitsalltag und Hilfe für die documenta. „Das ist nicht völlig losgelöst von unseren Ausbildungsinhalten“, sagt er. Mit der Arbeit für das Kunstwerk werde auch berufliche Handlungskompetenz gefördert.

Azubi Leonard Wille freut sich jedenfalls auf die Ausstellung. „Ich konnte mir das alles vorher nicht vorstellen. Jetzt habe ich persönlich einen Grund, dahin zu fahren.“

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