Partituren als eigenständige Werke: Strickenlernen beim Notenlesen

Verstrickt: Die Künstlerin Katalin Ladik spielt mit den Bezügen von Schrift, Bildern und Klang. Fotos:  d14

Die documenta 14 ist auch eine Ausstellung der großen Worte. In einer losen Folge stellen wir zentrale Begriffe dieser documenta und ihre Bedeutung und Umsetzung in der Ausstellung vor. Heute: Strickenlernen beim Notenlesen. 

Eine Partitur könnte man als Ursprung von Kunst bezeichnen. Aus Noten wird Musik, aus Skizzen ein Bild, aus Notizen ein Tanz. Auf der documenta würdigen die Kuratoren diese Form der Aufzeichnung jedoch nicht nur als Vorstufe eines Werkes, sondern als eigenständige Sprache und ein visuelles System, das die Aufmerksamkeit der Besucher verdient. Mit und auch ohne die dazugehörigen Aufführungen.

In der Ausstellung ballen sich die Partituren in der Neuen Galerie und der documenta-Halle (musikalisch gesprochen findet sich hier die Exposition des Themas). Schon im Erdgeschoss der Neuen Galerie sind Notenblätter des englischen Komponisten Cornelius Cardew (1936 - 1981) ausgestellt: aufgereiht unter Glas, stumme Papier-Zeugen von Schöpfergeist.

Partitur als Bilder: Cornelius Cardew hat Partituren gezeichnet, für die er keine Vorgaben gibt, wie sie zu lesen sind.

Handelt es sich bei der Niederschrift der „Thälmann Variationen“ noch um ein klassisches Notensystem, das sich für musisch Geübte entschlüsseln lässt, setzen andere Werke des Komponisten auf die Partitur als Hieroglyphen. Bei den Proben mit seinem „Scratch Orchestra“ ermutigte Cardew die Musiker dazu, die Stücke in individuellen Zeichen zu notieren, die sich auch musisch geübten Lesern verweigern (oder eine fantasievolle Interpretation verlangen). Eine von Cardews geometrisch verschachtelten Partituren ist auf der documenta ganz Bild geworden und als Fries auf die Wand der documenta-Halle gemalt.

Auch die serbische Künstlerin Katalin Ladik interpretiert die Partitur als Spielplatz. Auf leicht vergilbtem Notenpapier überlagern sich in ihren Collagen Worte und Linien mit Anleitungen zum Stricken und Knotenknüpfen. Die Idee vom Zeichen, das Handlung werden soll, taucht in ihrer Installation in der Neuen Galerie auf verschiedene Weise auf.

Auch bei Jani Christou (1926 - 1970) in der documenta-Halle besteht die Partitur aus einem Schwarm winziger Bildchen und Linien, die sich auf dem Blatt zu architektonischen Formen zusammenfinden. Die dazugehörigen Stücke aus den Lautsprechern – ein Zischen, Flüstern, Husten, Stammeln – klingen, als müsste dafür tatsächlich ein neues Aufzeichnungssystem her.

Dass eine Partitur nicht nur zu einer Performance führen kann, sondern auch umgekehrt, zeigen die Aufzeichnungen von Anna Halprin (documenta-Halle). Die Tänzerin und Choreografin hielt ihre improvisierten Experimente in Worten fest („sich gegenseitig mit Äpfeln füttern war das Warm-up fürs Publikum“) – und schuf durch diese Dokumentation gleich Anweisungen für die nächsten Stücke.

Notizen werden Tanz werden Notizen: Die Choreografin Anna Halprin spielte mit Anweisungen. Hier: ihr Tanzdeck 1957.

Dass der Begriff der Partitur nicht in der Vitrine bleibt, sondern auch die documenta-Erfahrung der Besucher streift, liegt am Konzept für die geführten Spaziergänge. Auch die sogenannten „Choristen“ reden immer wieder von der Ausstellung als Zeichensystem, ein System, das von jedem unterschiedlich interpretiert werden kann.

Einigermaßen kryptische Anweisungen zum Aktivwerden enthält die Performance „Soziale Dissonanz“ in der documenta-Halle. In dem Kellerraum, der ab 18 Uhr ein Ort der Gespräche wird, soll eine Partitur durch das Publikum lebendig werden. „Hört gut zu“, verordnet das ausliegende Flugblatt. „Helft dem kollektiven Subjekt beim Entstehen.“

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