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documenta fifteen in Kassel: Historiker zum Streit um Filmreihe Tokyo Reels

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Umstrittene Kunst: Im Hübner-Areal werden die Filme des Kollektivs Subversive Film gezeigt.
Umstrittene Kunst: Im Hübner-Areal werden zur documenta fifteen in Kassel die Filme des Kollektivs Subversive Film gezeigt. © Dieter Schachtschneider/NH

Das Projekt Tokyo Reels des Kollektivs Subversive Film ist in Kassel höchst umstritten. Der Historiker Joseph Croitoru ordnet das Projekt ein.

Kassel – In Kassel hat gerade wieder ein sattsam bekannter Schneeballeffekt eingesetzt. Diesmal betrifft er das Projekt Tokyo Reels des palästinensischen Kollektivs Subversive Film. Wie bereits in den vorangegangenen Runden hatten sich auch im Falle der Filmreihe die Kritiker offensichtlich nicht die Mühe gemacht, Hintergründe zu erfahren – wie es scheint, auch nicht das einberufene Expertengremium, das den Antisemitismusskandal aufarbeiten soll.

Ablesbar ist dies schon daran, dass das Projekt mit der einstigen Terrororganisation Japanische Rote Armee (JRA) in Verbindung gebracht und so diskreditiert wird. Tatsächlich ist die Beschreibung von Subversive Film auf der Website der documenta etwas missverständlich. Dort heißt es: „Nach einem Treffen mit dem japanischen Agit-Prop-Experimentalfilmer und einstigem Mitglied der 1988 aufgelösten Japanischen Roten Armee, Masao Adachi in Tokio, übernahm Subversive Film von einer japanischen Gruppe eine Sammlung von 16-mm-Filmen und U-matic Videokassetten.“

documenta fifteen in Kassel: Übergabe der Filme an Yaqubis Kollektiv Subversive Film

Der dadurch entstandene Eindruck eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem Treffen des Palästinensers Mohanad Yaqubi und dem Japaner Masao Adachi und der später erfolgten Übergabe der Filme an Yaqubis Kollektiv Subversive Film ist allerdings falsch. Wie Yaqubi gegenüber der HNA erläuterte, hatte er im April 2017 in Tokio Adachi lediglich getroffen, um mit ihm ein Gespräch über dessen frühere Filmarbeiten aus den Siebzigerjahren zu führen.

1971 hatte Adachi beispielsweise einen Film gedreht über die damals wachsende Kooperation zwischen der JRA und der palästinensischen Kampforganisation „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP). Er schloss sich dann der JRA an und blieb rund zwei Jahrzehnte im Libanon, bevor er nach Japan zurückkehrte. Der Anlass für Mohanad Yaqubis Besuch in Japan war indes ein anderer, nämlich die Vorstellung eines eigenen Films, die später erfolgte. Am Ende der Vorführung wurde der Palästinenser von der japanischen Nahostexpertin Aoe Tanami angesprochen, die ihm eine Liste von Filmen übergab, die, wie sich dann herausstellte, in der Wohnung ihrer Eltern deponiert waren. Es waren 20 Filme, die ursprünglich dem 1977 in Tokio eröffneten PLO-Büro im Laufe der 70er- und 80er-Jahre übergeben worden waren. Wie sie dorthin gelangten, ist bis heute nicht geklärt.

Streit um Documenta-Filmreihe in Kassel: Die Filme in der Sammlung Tokyo Reels

Sie scheinen vorher zum Teil im Besitz von Japanern gewesen zu sein, die sich für den Nahostkonflikt und für die Sache der Palästinenser interessierten. Drei – es sind die ältesten Filme in der Sammlung Tokyo Reels – sind staatliche Produktionen aus Jordanien, Irak und Kuweit, die für diese Länder werben und vermutlich von Diplomaten in Umlauf gebracht worden waren. Als das PLO-Büro Ende der 80er-Jahre in Tokio geschlossen wurde, suchte man nach einem anderen Aufbewahrungsort für die Filmrollen. Über Umwege landeten sie bei Aoe Tanami, die damals Studentin war und Kontakte zum losen japanischen Palästina-Solidaritätsnetzwerk pflegte. Für Mohanad Yaqubi war die Entdeckung dieser Filme eine glückliche Fügung, forscht er doch gemeinsam mit seiner Frau Reem Shilleh vom Kollektiv Subversive Film seit Jahren zur palästinensischen Filmgeschichte.

Was die im Libanon entstandenen Filmproduktionen anbelangt, so hatte die israelische Besetzung Beiruts 1982 zur Folge, dass große Teile davon verloren gingen. Vor allem auch die Produktionen des PLO-nahen „Palästinensischen Filminstituts“, von denen lediglich drei in den Tokyo Reels enthalten sind – die restlichen Filme stammen aus verschiedenen arabischen Ländern oder sind internationale und japanische Produktionen.

documenta fifteen in Kassel: Die Geschichte des revolutionären palästinensischen Kinos

In der hiesigen Kritik ist dieser Hintergrund zu den Folgen der damaligen israelischen Militäroperation für die palästinensische Filmgeschichte unbeachtet geblieben. Yaqubi und Shilleh, die sich auch als Archivare verstehen, versuchen seit Längerem, verloren gegangenes palästinensisches Filmmaterial aus der Zeit aufzuspüren – übrigens ähnlich wie die israelische Forscherin Rona Sela, die sich seit Jahren darum bemüht, etliche von der israelischen Armee in Beirut 1982 beschlagnahmte palästinensische Filmbestände, die im israelischen Staatsarchiv teilweise unter Verschluss sind, bekannt zu machen.

Im Falle der in Japan aufgetauchten Filme ging es aber um mehr als nur um das Schließen von Lücken in der Geschichte des revolutionären palästinensischen Kinos. Wie sich bald zeigte, hatten die mit den Palästinensern solidarisierenden Japaner ja auch nicht-palästinensische Filme aufbewahrt, die sich mit dem palästinensischen Schicksal und Befreiungskampf befassen. Yaqubi war überrascht, hier nichts zur berühmt-berüchtigten, auch terroristischen Kooperation zwischen JRA und PFLP zu finden. Das Netzwerk der solidarisierenden Japaner war Yaqubi zufolge allem Anschein nach politisch viel breiter aufgestellt gewesen als angenommen; JRA-Sympathisanten waren dort eher die Ausnahme.

Kritik an documenta fifteen in Kassel: „Pro-palästinensische Propagandafilme“

Die Reduzierung von Tokyo Reels in Kritiken auf „pro-palästinensische Propagandafilme“ greift zu kurz. Nur etwa die Hälfte der Filme würde unter die Kategorie fallen, für die Yaqubi die Bezeichnung „Solidaritätsfilme“ bevorzugt – vom „militanten Kino“ ist im documenta-Text im Netz ohnehin die Rede. Dass in den Filmen stellenweise Propaganda in Form von Übertreibungen und unwahren Unterstellungen in Bezug auf den israelischen „Feind“ betrieben wird, ist vor dem Hintergrund des damaligen bewaffneten israelisch-palästinensischen Konflikts mit seiner auf beiden Seiten flammenden Rhetorik nur nachvollziehbar.

Als Teil davon sollte auch der vom Expertengremium kritisierte Genozid-Vorwurf an Israel – der Libanonkrieg 1982 forderte zahlreiche Todesopfer unter den arabischen Zivilisten – betrachtet werden, der in dem Film „Why?“ von Monica Maurer und Samir Nimr zweimal erhoben wird. Ein Pendant auf israelischer Seite war damals etwa die Gleichsetzung von PLO-Chef Yassir Arafat mit Hitler – sogar durch Ministerpräsident Menachem Begin persönlich. Wer hier bei der genannten Genozid-Behauptung (von der Schoa ist in „Why“ an den betreffenden Stellen nicht die Rede) unbedingt von „Antisemitismus“ sprechen will, erregt den Verdacht, nicht unparteiisch zu sein.

documenta fifteen in Kassel: Vorwürfe an die Kollektiv-Autoren

Kaum gerechtfertigt ist auch der Vorwurf an die Kollektiv-Autoren hinsichtlich ihres die Filmvorführungen in Kassel begleitenden Kommentars. Angeblich werde „Propagandamaterial“ von ihnen nicht „kritisch reflektiert, sondern als vermeintlich objektiver Tatsachenbericht affirmiert“. Das Gespräch zwischen Yaqubi und Shilleh kreist um eine Materie, die ihnen sehr vertraut ist, weshalb sie es häufig bei Andeutungen belassen. Wo sie jedoch auf krasse Propaganda treffen, wird sie ausdrücklich beim Namen genannt. So etwa im Kommentar zu den Filmen „The Game“ (1973) – „Propaganda in reiner Form“ (Yaqubi) - oder zu „Kufr Shuba“ (1975), den Yaqubi ebenfalls als propagandistisch bezeichnet.

Bei Tokyo Reels handelt es sich um ein sehr umfangreiches Filmmaterial, dessen Autoren wie auch seinen palästinensischen Archivaren vom Kollektiv Subversive Film mit den pauschalen Antisemitismus-Vorwürfen Unrecht getan wurde. Bei aller Kritik betonte vorgestern Nicole Deitelhoff im Namen des Expertengremiums in einem TV-Interview, dass diese Filme als Zeitdokumente wichtig seien. Dem Wunsch des Gremiums nach Kontextualisierung des Filmkonvoluts durch zusätzliche, historisch vertiefende Informationen sollte die documenta nachkommen. Es würde die nicht immer deutlich gemachte Komplexität des Projekts besser zu verstehen helfen. (Joseph Croitoru)

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