Haitianerin Kettly Noel beschließt Reihe

Performance in den Henschel-Hallen: Wenn Herumirren zur Kunst wird

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Puppe oder Leiche: In ihrer Performance „Zombiefication“ in Athen verknüpfte Kettly Noël Elemente des haitianischen Voodoo mit Tanz und teilweise schwer erträglichen Gewaltszenen.

Kassel. In Athen hat Kettly Noël die Zombies heraufbeschworen, in Kassel beschließt die Haitianerin mit ihrem Tanzstück „Errance“ (Herumirren) die documenta-Performancereihe in den Henschel-Hallen.

Auch wenn die offizielle Ankündigung der d14 ein wenig kryptisch klingt („Spuren oder Fragmente von außer Kraft gesetzten und unterdrückten Gesten – Gefangene eines Körpers, der sich danach sehnt, die Geschlechter und Antlitze eines Anderswo auszudrücken“), lassen sich in Kassel starke Bilder auf der Bühne erwarten.

In Athen hat die Choreografin mit ihrer Performance „Zombiefication“ im Konservatorium eine surrealistisch hypnotische und teilweise brutale Inszenierung aus Voodoo-Elementen und zeitgenössischem Tanz beigesteuert. Protagonisten mit Mundschutz und Katastrophenhelfertracht stapeln zu sphärischen Klängen menschengroße leichenartige Puppen aufeinander, mit denen Kettly Noël mal zärtlich, mal achtlos oder grob umgeht.

Später wird auch ihr eigener Körper Ziel von Gewalt – Vergewaltigungsszenen auf der Bühne inklusive – und schließlich mit einer Schubkarre abtransportiert. Die Aufführung, die die documenta 14 ein „absurdes Ballett von entmenschten Körpern“ nannte, hat ein reges Medienecho hervorgerufen. Das Magazin „Art“ schrieb von tänzerischer Traumabewältigung.

Auch bei ihrer Performance in Kassel soll es um Bilder für körperliche Gewalt, das Herumirren und um die Mehrdeutigkeit von Bewegung gehen. Wie es die documenta ausdrückt: „Eine Liebkosung wird zum Hieb, ein Schritt kann sich in einen Absturz oder einen Rückschritt verwandeln, Begehren kann in Unterwerfung umschlagen.“

„Errance“ ist die letzte von vier Performances, die innerhalb von knapp drei Wochen vorübergehend in den Henschel-Hallen eingezogen sind. Den Anfang machte die Französin Phia Ménard, die ganz allein ein Haus aus Pappe baute und von einem künstlichen Regenguss wieder zerstören ließ. Außerdem wurden Kompositionen des griechischen Experimentalkünstlers Jani Christou aufgeführt, bevor die Tänzerin Alexandra Bachzetsis die riesige Halle zum Wohnzimmerstudio verkleinerte und dort ihr Programm „Private Song“ mit traditionellen griechischen Liedern aufführte.

Die Performance „Errance“ von Kettly Noël beginnt am Mittwoch und am Donnerstag jeweils um 20 Uhr in den Henschel-Hallen an der Wolfhager Straße 109. Karten gibt es an allen d14-Ticket-Containern in der Innenstadt und an der Abendkasse. Mit documenta-Ticket kostet der Eintritt 2, ohne 10 Euro.

Zur Person

Kettly Noël, 1968 in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince geboren, ist Tänzerin und Choreografin. Nach einigen Jahren in Paris arbeitete sie ab den 90er-Jahren als Tanztrainerin in Benin und Mali. Ihr Stil verknüpft Elemente des Voodoo mit afrikanischem Straßentanz. 2014 spielte sie im oscarnominierten Film „Timbuktu“ eine Voodoo-Zauberin.

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