Performance "Private Song" bei der documenta: Ringen um Geschlechterrollen

Hochglanz: Alexandra Bachzetsis beim Eröffnungstanz.

Die Kartenverkäuferinnen an den Henschel-Hallen hatten am Montag keine einfache Aufgabe. Vor der ausverkauften Performance der documenta-Tänzerin Alexandra Bachzetsis hatten sich gut 40 Hartnäckige aufgereiht, die auf nicht abgeholte Tickets hofften.

Um 22 Uhr riefen die d14-Mitarbeiterinnen drei, vier Namen von der Warteliste auf, den Rest mussten sie nach Hause schicken.

Die Platznot in der geräumigen Halle ist Alexandra Bachzetsis’ Anspruch auf Intimität geschuldet. Bei ihrer Performance „Private Song“ sitzt das Publikum (darunter am Montag auch ihr Lebensgefährte Adam Szymczyk) auf 80 Stühlen mit auf der Bühne. Durch mobile Wände verkleinert sich die Industriestätte in ein wohnzimmergroßes Studio mit Schachbrettboden.

Der Auftritt der schweizerisch-griechischen Choreografin auf der documenta beginnt glamourös. Mit schwarzem Latexkleid und falschem Pferdeschwanz nimmt sie ungerührt vor sich hin starrend die Bewegungen klassisch weiblicher Sexyness auseinander: Hüfte schütteln, Haare schwingen, Kleid lupfen. Dazu dröhnt (in fast schmerzhafter Lautstärke) der griechische Rembetiko-Song „Misirlou“, der seine Bekanntheit dem Film „Pulp Fiction“ verdankt.

Von einer Zuschauerin lässt sich die Künstlerin das hautenge Kleid öffnen, dann schlüpft sie in eine ballonseidene Trainingshose. Kostümwechsel, Haare richten, Schweiß tupfen: Zur Performance, die das Private im Namen trägt, gehören auch die Handgriffe, die sonst hinter der Bühne stattfinden.

Im Laufe des Stücks wechseln Alexandra Bachzetsis und ihre beiden männlichen Tänzer immer wieder untereinander die Kostüme. Ihr nackter Oberkörper beim Ringkampf-Fitness-Tanz mit Sotiris Vassiliou ist eher textile Gleichberechtigung als erotische Provokation. Das Spiel mit Geschlechterrollen wird von Rembetiko-Liedern aus den 40er- und 50er-Jahren untermalt, die Alexandra Bachzetsis, Sotiris Vassiliou und Thibault Lac abwechselnd mit trainiert klingenden Stimmen in Mikrofone singen.

Hochglanz: Alexandra Bachzetsis beim Eröffnungstanz.

Die Musik, die mit Migrationsgeschichte und Männlichkeitsbildern aufgeladen ist (Rembetis heißt Wanderer), erzählt von Sehnsucht und Herzschmerz – getragene Melancholie-Melodien, die nicht recht zu den unterkühlten und von Alltagsgesten geprägten Bewegungen passen wollen. Ob hier eine Facette griechischer Identität gefeiert oder veralbert wird, bleibt in den 60 Minuten Aufführung für Sprachunkundige unentscheidbar.

Nachdem der abgetrennte Bühnenraum mit der Zeit etwas Klaustrophobisches bekommen hat, die Tänzer immer wieder fingerschnipsend das Schachbrett abgeschritten sind, öffnet sich gegen Ende doch noch der Blick. Hinter einer regungslosen Alexandra Bachzetsis gibt eine nach oben fahrende Wand die leere Henschel-Halle frei. Ein erhabener Moment, der offenbar ernst gemeint ist. Mit ihren Abenden in dem eindrucksvollen Industriegebäude stellt die documenta den Besuchern auch ein architektonisches Kunstwerk vor.

„Private Song“ von Alexandra Bachzetsis findet heute und morgen ab 22 Uhr noch einmal statt. Karten gibt es an den d14-Ticketschaltern und, wenn vorhanden, an der Abendkasse. Der Eintritt kostet mit d14-Ticket 2, ohne 10 Euro.

Die weiteren Programmpunkte in den Henschel-Hallen haben wir hier aufgeschrieben. 

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