Der Ball liegt schon im Spielfeld

Podiumsdiskussion zum documenta-Institut – Zustimmung zum Karlsplatz

Hier könnte das documenta-Institut entstehen: Blick auf den Karlsplatz, der nach Ansicht der Podiumsteilnehmer durch einen hochkarätigen Neubau eine städtebauliche Aufwertung erführe. Archivfoto: Dieter Schachtschneider

Uni-Präsident Prof. Dr. Reiner Finkeldey fand einen Fußball-Vergleich: „Wir können den Ball auf den Elfmeterpunkt legen. Verwandeln werden ihn die Forscher.“

Die drei Wissenschaftler des künftigen documenta-Instituts also, für deren Berufung derzeit das Auswahlverfahren läuft. „documenta Institut – Ziele, Struktur, Standort“, so war die Debatte überschrieben, an der Vertreter der wichtigsten Akteure teilnahmen, die an dessen Aufbau beteiligt sind.

Einigkeit herrschte beim Ziel: Dass das documenta-Institut eine außeruniversitäre, internationale und interdisziplinäre Forschungseinrichtung mit weltweiter Strahlkraft werden soll, die auch in die Stadt hineinwirkt. Breite Zustimmung gab es – und auch keine Einwände von den über 100 Besuchern –für den Standort Karlsplatz.

Um sprachlich auf dem Fußballplatz zu bleiben: Die selbstbewussten „Player“ haben aber einiges bis zur Realisierung der Strukturen zu tun, bis zum perfekten Spielverständnis gewissermaßen. Da gilt es sozusagen, Laufwege einzuüben, variantenreiche Kombinationen zu trainieren, bei denen der Ball an besser postierte Mitspieler abgegeben wird, daran zu feilen, ob Standardsituationen oder Flanken besser funktionieren. Am Ende muss ein Kapitän bestimmt werden. Die Positionen im Überblick.

Uni-Präsident

Das Bild der drei Säulen, auf denen das Institut beruhen soll – Archiv, Forschung und Vermittlung – findet Reiner Finkeldey „eigentlich unglücklich“. Zwischen diesen Säulen gebe es doch „vielfältige Querbezüge“. Finkeldey betonte die Bedeutung der Einrichtung für den Wissenschaftsstandort Kassel, aber auch die Selbstständigkeit des Instituts. Die Uni bleibe ein wichtiger Partner, werde sich aber formell „besser früher als später zurückziehen“.

documenta-Direktorin

„Wer hat das Sagen, wenn es kracht?“, wollte der umsichtig moderierende Journalist Göran Gehlen wissen. Die Freiheit der Wissenschaft sei eine „absolute Selbstverständlichkeit“, sagte Generaldirektorin Dr. Sabine Schormann, „wir wollen nicht vorschreiben, was die Professoren zu forschen haben“. Aber die documenta müsse als „Ausgangspunkt und Ziel allen Handelns gestärkt werden“: „Was die Marke documenta betrifft, muss die documenta das Sagen haben“ – damit sie nicht verwässert werde und zersplittere, müsse sie als kultureller, Wirtschafts- und Imagefaktor bewacht werden.

documenta-Professorin

Am Begriff der „Marke“ störte sich Prof. Dr. Nora Sternfeld, die an der Kunsthochschule die documenta-Professur innehat: „Die Freiheit der Wissenschaft garantiert mir keine documenta und keine ,Marke’, sondern die deutsche Verfassung.“ Das Institut müsse auf Experimenten und Wagnissen aufbauen – und vor allem auf der Perspektive der Kunst. Aus brennenden künstlerischen und kuratorischen Fragestellungen müsse sich das Institut entwickeln: „Die Kunst ist der Kern.“ Sternfeld kritisierte, dass keine künstlerische Professur ausgeschrieben sei. Viele ihrer Kollegen könnten sich damit nicht identifizieren: „Die Kunsthochschule bekommt in der Konzeption nicht genug Raum.“

documenta Forum

Jörg Sperling, Vorsitzender des Fördervereins der documenta, forderte Transparenz und Beteiligung der Stadtgesellschaft ein. Das Institut müsse der Dimension der documenta gerecht werden: „Kein Kleinklein, 24 Mio. Euro werden nicht ausreichen.“

Kulturdezernentin

Susanne Völker beschrieb die „moderierende Rolle“ der Stadt, Ansprüche und Erwartungen zusammenzuführen und in Einklang zu bringen. Aufgabe sei auch, optimale Bedingungen zu schaffen: Das Institut sei eine „einmalige Chance“, etwas aufzubauen, „was es noch nicht gibt und was wir nur in Kassel machen können“. Schnellschüsse dürfe es nicht geben, Gründlichkeit gehe vor Tempo. Die inhaltliche Konkretisierung könne nur mit den neu berufenen Professoren entwickelt werden.

Stadtbaurat

Christof Nolda schilderte die baurechtlichen Voraussetzungen für den Standort Karlsplatz, den er inzwischen anstelle des Holländischen Platzes favorisiert. Hier berge ein Neubau, der vom Glanz der documenta profitieren und eine Aura entwickeln könne, viel Potenzial für eine städtebauliche Aufwertung. Ein Bebauungsplanverfahren dauere etwa ein Jahr, parallel könnte ein Architektenwettbewerb laufen, beides könne im Herbst losgehen.

documenta Archiv

Dessen Leiterin Dr. Birgit Jooss ist froh über den Vorschlag Karlsplatz. Neben klimatisierten, lichtgeschützten Depots sei an eine Bibliothek mit Lesesaal gedacht, der Besuchern offenstehen soll.

Architekt

Die Einbindung der Öffentlichkeit wünscht sich auch Marc Köhler, Vorsitzender des Bundes der Architekten (BDA) in Kassel. Er sprach von einer „Stadtreparatur“ am Karlsplatz – ideales Bindeglied zwischen Uni und Kunsthochschule, Fridericianum und Neuer Galerie: „Da wird eine Kette aufgespannt.“ Köhler wollte die Angst vor einem abschreckenden Betonklotz nehmen und skizzierte ein Gebäude mit offenem, transparenten Eingang sowie Dachterrasse oder Lounge mit Blick in den Stadtraum: „Davon werden viele etwas haben.“

Drei Professuren ausgeschrieben

Derzeit ist das Bewerbungsverfahren für drei Sonderprofessuren im Gang, die das Land Hessen auf sechs Jahre befristet für das documenta-Institut bereitstellt und die zunächst mit einem stark reduzierten Lehrdeputat der Universität angegliedert werden – „Kunst und Gesellschaft“, „Kunst und Ökonomien“ und „Kunst und Wissen“ in den Fachbereichen Geistes- und Kultur-, Gesellschaftswissenschaften sowie Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung. „Die Bewerberlage ist exzellent“, sagte Reiner Finkeldey. Langfristig sollten die Professuren im Institut aufgehen – und zwar „möglichst schnell“.

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