Diskussionsabend am Donnerstag

Politiker begrüßen Lösung im Streit um Auschwitz-Performance der documenta

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Meldet sich zu Wort: Adam Szymczyk, Leiter der documenta 14, teilte mit, dass die Performance "Auschwitz on the Beach" keineswegs die Absicht hatte, den Holocaust zu relativieren.

Kassel. Die geplante Kunst-Performance „Auschwitz on the Beach“ im Fridericianum an drei Tagen wird es nicht geben. Stattdessen lädt die documenta zur Diskussion. Auch Politiker äußerten sich zum Streit.

„Anstatt die Veranstaltung komplett abzusagen, werden wir am Donnerstag, 24. August, um 20 Uhr das Parlament der Körper für eine Session mit Franco „Bifo“ Berardi öffnen“, sagt Paul B. Preciado, Kurator der Öffentlichen Programme der documenta 14. Damit solle eine vielstimmige Unterhaltung gefördert werden, gefolgt von der Lesung des Gedichts von Berardi. Preciado kündigt für Donnerstag eine „partizipative Diskussion über die neuen Gesichter des Faschismus und der aktuellen Politiken der Migration in Europa“ an.

Die Kunstaktion „Auschwitz am Strand“ hatte Empörung und Proteste ausgelöst. Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach von einer „verantwortungslosen Relativierung des Holocaust“. Kritiker hielten das Vorhaben für eine gezielte Tabu-Verletzung der documenta 14, um die vielgescholtene Ausstellung mit Hilfe einer fragwürdigen Performance wieder ins Gespräch zu bringen.

Geselle begrüßt Lösung

„Ich habe gestern Gespräche mit dem künstlerischen Leiter Adam Szymczyk und der documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff geführt“, sagt Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). „Ich begrüße es, dass die Performance nun einen neuen Titel – Shame on us – und ein neues Format bekommen hat. Ich bin allen Beteiligten dankbar, dass wir diese Lösung gefunden haben.“

Auch Hessens Kunst- und Kulturminister Boris Rhein (CDU) sagt: „Ich begrüße es, dass die Künstler die Konsequenzen gezogen und die Performance in ihrer bisherigen Form abgesagt haben. Trotzdem ist es bedenklich, dass mit solchen provokativen Texten und Aktionen Werbung für eine Kunstperformance gemacht wurde.“

„Niemand – ob Politiker oder Künstler – sollte den Namen Auschwitz für eigene politische Kampagnen oder Kunstaktionen missbrauchen“, sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Was vor allem jüdische Häftlinge in Auschwitz an industrieller „Vernichtung“ in den Gaskammern erfahren hätten, „entzieht sich dem Vergleich mit dem Elend und dem Sterben von Flüchtlingen heute.“

Wer hier Vergleiche konstruiere, „sucht die plumpe Sensation und nicht die künstlerische Aufklärung.“ Es sei schade, dass sich ein berechtigtes und wichtiges künstlerisches und politisches Anliegen, das viele Menschen in Europa empöre und in Bewegung bringe, durch diese Vergleiche selbst diskreditiere. „Mit falschen Vergleichen und Sensations-Rhetorik wird man weder den Gefühlen der Überlebenden noch dem Elend der Flüchtlinge gerecht“, mahnt Heubner.

Das Parlament der Körper, Shame on Us: Lesung und Gespräch mit Franco “Bifo” Berardi, Donnerstag, 24. August, 20.30 Uhr, Museum Fridericianum

Kommentar von Werner Fritsch: Doppelt richtig

Werner Fritsch

Die Erleichterung über die Entscheidung der documenta-Leitung, die heftig umstrittene Performance „Auschwitz on the Beach“ abzusagen, ist bei vielen Menschen groß. Erneut bestätigte sich eine eigentlich längst bekannte Tatsache: Vergleiche, die Auschwitz und den Holocaust bemühen, sind immer falsch. Sie können nur falsch sein, weil der Völkermord an den Juden ein singuläres Verbrechen darstellt.

Mit dem unsäglichen Titel, der auch noch flapsig an die Phil-Glass-Oper „Einstein on the Beach“ erinnert, haben die d14-Verantwortlichen daher genau das Gegenteil dessen erreicht, was ihr Anliegen war – die untragbare Situation von Flüchtlingen in Nordafrika und auf der Mittelmeerroute sowie die politischen Verantwortlichkeiten zum Thema zu machen.

Ihre Entscheidung, statt der Performance nun eine Diskussionsveranstaltung zu diesem Thema anzusetzen, ist daher doppelt richtig. Ein verunglückter Vergleich wurde zurückgezogen – und damit die Chance eröffnet, sich ernsthaft mit dem Flüchtlingselend auseinanderzusetzen.

Lesen Sie dazu auch:

Die Stellungnahme der documenta zur Absage der Kunstaktion

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