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Antisemitismus auf der documenta: Rätsel um Roths Fünf-Punkte-Plan

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Von: Matthias Lohr, Florian Hagemann

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Mit einem Fünf-Punkte-Plan hat Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf den Antisemitismus-Eklat bei der documenta reagiert. Welchen Einfluss hat der Bund?

Kassel – Als sich der Bund 2018 aus dem Aufsichtsrat der documenta zurückzog, nahmen davon nur Fachleute Notiz. Doch seit voriger Woche wird auch über diesen Punkt diskutiert. In dem Fünf-Punkte-Plan, mit dem Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf den Antisemitismus-Eklat der documenta fifteen reagierte, wird eine grundlegende Strukturreform angemahnt. Die sei Voraussetzung für eine zukünftige Förderung der Kasseler Kunstschau durch den Bund.

documenta: Welchen Einfluss hat der Bund auf die Kunstschau?

Der 2018 beschlossene Rückzug der beiden Vorstände der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers und Alexander Fahrenholz, aus dem Aufsichtsrat wird in dem Papier als „schwerer Fehler“ bezeichnet, denn der Bund habe so „keine hinreichende Mitwirkungsmöglichkeit“ mehr „bei Vorbereitung und Durchführung der documenta“.

Dies legt den Schluss nahe: Mit Vertreten des Bundes in dem zwölfköpfigen Gremium, das von Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) geleitet wird, wäre das, was die documenta in ihre bislang größte Krise stürzte, nicht passiert.

Da war die documenta-Welt fast noch in Ordnung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (von links), Oberbürgermeister Christian Geselle, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Generaldirektorin Sabine Schormann bei der Eröffnung am 18. Juni an der documenta-Halle.
Da war die documenta-Welt fast noch in Ordnung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (von links), Oberbürgermeister Christian Geselle, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Generaldirektorin Sabine Schormann bei der Eröffnung am 18. Juni an der documenta-Halle. © ANdreas Fischer

Die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne), immerhin Stellvertreterin von Geselle im Aufsichtsrat, hat den Vorstoß ihrer Parteikollegin aus Berlin bereits begrüßt. Völckers ließ eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet. Sie will sich am Mittwoch bei einer Diskussion zum Antisemitismus in der Kunst zu dem Thema äußern (siehe unten).

Warum haben sich die Vertreter des Bundes von der documenta zurückgezogen?

Dabei gibt es jetzt schon genügend Fragen. Etwa: Warum haben sich die Vertreter des Bundes 2018 eigentlich zurückgezogen? Öffentlich begründet wurde ihr Schritt nicht, der kurz nach dem Finanzdebakel der documenta 14 vollzogen wurde. Die Stühle von Völckers und Fahrenholz blieben seither leer. Da man aus dem Aufsichtsrat nicht einfach zurücktreten kann, könnten die Vertreter auch ohne Strukturreform wieder zurückkehren.

Aus dem Rathaus heißt es auf Anfrage dazu: „Die aktuelle Regelung des Gesellschaftsvertrages lautet: Zwei weitere Mitglieder des Aufsichtsrates werden auf Vorschlag der Kulturstiftung des Bundes von der Gesellschafterversammlung gewählt. Da beide Mandate im Gesellschaftsvertrag nach wie vor verankert sind, wäre es Vertretern der Bundeskulturstiftung oder von ihnen benannten Dritten ohne Weiteres jederzeit möglich gewesen, im Vorfeld der documenta fifteen an Sitzungen des Aufsichtsrats des Unternehmens teilzunehmen und entsprechende Informations- und Kontrollfunktionen wahrzunehmen.“

Einfluss des Bundes auf die documenta: Müsste nicht mehr kommen?

Auf die Frage, warum die beiden Vertreter der Kulturstiftung seinerzeit den Aufsichtsrat verließen, antwortet die Stadt, dass Oberbürgermeister Geselle den Schritt bedauert habe, die beiden Vertreter seien stets „eine kulturpolitische Bereicherung des Aufsichtsrats“. Für die documenta fifteen steuert der Bund über seine Kulturstiftung 4,5 Millionen Euro in den 42-Millionen-Euro-Etat bei. Es gibt schon erste Stimmen, dass aus Berlin eigentlich mehr kommen müsste. Aber der Zeitpunkt, von Kassel aus Forderungen zu stellen, ist gerade nicht sehr günstig.

Den Vorschlag, dass sich der Aufsichtsrat der documenta bei der Aufarbeitung der Vorwürfe mit einem internationalen Beirat austauschen solle, hatte Geselle abgelehnt.

Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Geselle hat gestern nun Claudia Roth einen Brief geschrieben. Sie selbst habe weder die Stadt noch die documenta persönlich oder schriftlich kontaktiert. Über ihre Pläne und den Fünf-Punkt-Plan habe man bislang nur aus den Medien erfahren. (Matthias Lohr, Florian Hagemann)

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