60 Worte pro Minute

Rezensionen für jedermann: Lori Waxmans Kunstkritiken in der HNA

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Freut sich auf jede Menge Kunst: Lori Waxman auf dem Kasseler Friedrichsplatz.

Kassel. Die in Chicago lebende Kunsthistorikerin und Kritikerin Lori Waxman wird auf der documenta 13 öffentlich Kunstwerke besprechen und exklusiv in der gedruckten HNA und bei www.mydocumenta.de veröffentlichen.

„60 Wrd/Min Art Critic“ - 60 Worte pro Minute Kunstkritik - heißt das Projekt, das Waxman seit sieben Jahren in den USA betreibt. Bis zum 16. September (bis auf eine Woche, in der sie Lehrverpflichtungen hat) wird sie montags, mittwochs und samstags, 13 bis 18 Uhr, in einer Hütte an der Schönen Aussicht nahe der Gustav-Mahler-Treppe schreiben.

Was Waxman schreibt, wird über einen Beamer vergrößert. Besucher können so beobachten, wie sie beim Schreiben ihre Meinung bildet, manchmal ändert und sich korrigiert. Pro Werk braucht Waxman für 150 bis 200 Worte 20 bis 30 Minuten, „wegen der Notwendigkeit zu übersetzen vielleicht ein paar Minuten länger“.

Öffentliches Rezensieren: Lori Waxman 2011 in Penzance, Cornwall.

Die Künstler - gern aus Kassel und der Region, im Prinzip aber von überall - können biografische oder andere Informationen einreichen, ihre Werke in allen denkbaren Medien aber auch ganz anonym bei ihrer „Rezeptionistin“ abgeben lassen, „sei es von ihrer Mutter oder von irgendeinem Kurier“. Künstler, Werk und Rezensentin befinden sich gegebenfalls in einem Raum: „Das kann sehr unangenehm sein.“

Waxman bevorzugt, das Original in Augenschein zu nehmen, sofern das nicht möglich ist, begnügt sie sich mit Reproduktionen. Alle Texte werden auf Deutsch übersetzt, an ihrem temporären Domizil auf der documenta ausgehängt sowie auf die Internetseite www.hna.de gestellt. Einmal in der Woche veröffentlicht die HNA eine Kritik in der Printausgabe.

Eine Kunstkritik nach der anderen zu schreiben, habe etwas Sportliches, sagt Waxman. Die Herausforderung sei, die Balance zwischen Quantität und Qualität zu wahren - so viele Rezensionen wie möglich anzufertigen, aber jedem Werk gerecht zu werden. Der Reiz: Mit Kunst konfrontiert zu werden, der sie als professionelle Kritikerin in Chicago ansonsten nie begegnen würde.

Infos zur Aktion

Beginn 6. Juni, 14 Uhr, während der Vorbesichtigung für Journalisten und Fachbesucher. Kontakt und Anmeldung: critic@60wrdmin.org

„Ob Konzeptkunst, zusammengeschweißter Abfall oder Sonnenuntergänge in Wasserfarben - ich nehme alles gleichermaßen ernst“, verspricht die 36-Jährige. Prinzipiell sollten viele Leute Kunst machen. Sie wolle Künstler deshalb weder entmutigen noch einschüchtern und verstehe Kritik konstruktiv. Für Verrisse müsse sie sich sicher sein. Diese Überzeugung in nur 25 Minuten zu erlangen, sei problematisch. Daher urteile sie vorsichtig. Selten werde sie wirklich böse: „Aber diese Ausnahmen gibt es.“

Zur Person

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die „Chicago Tribune“ und „Art Forum“. Sie lehrt als Dozentin des School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat Essays, Katalogbeiträge und Bücher über Künstler wie Jenny Holzer, Taryn Simon und Gordon Matta-Clark veröffentlicht. Nach Kassel ist die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter mit Familie gekommen.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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