Begeisterter Empfang für Langstrecken-Reiter

Der Ritt von Athen nach Kassel: Pferdeäpfel als Beiwerk der Kunst

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Der Künstler ging zu Boden: Ross Birrell legte sich flach vor das Parthenon der Bücher, um die beste Foto-Perspektiveauf Pferde und Reiter zu bekommen. 

Kassel. Berittener Brückenschlag zwischen Athen und Kassel: Am Sonntag wurden die Langstreckenreiter im Auftrag der documenta begeistert auf dem Friedrichsplatz empfangen.

Da sage nochmal jemand, die Nordhessen seien reserviert: Der Empfang für den Reitertross, der am Sonntag pünktlich um 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz eintraf, war überschwänglich – aus Pferdesicht fast etwas zu stürmisch. Mit Jubel und Applaus begrüßten die Menschenmassen vor dem Fridericianum die Reiter und Rösser, die vor drei Monaten in Athen aufgebrochen waren.

Bittend legte David Wewetzer, einer der Langstreckenreiter, den Zeigefinger vor seinen Mund und machte abwehrende Gesten: Nach der fast 100 Tage währenden Tour durch Felder, Wälder und Wiesen hatte er Sorge, dass die Pferde angesichts des Trubels scheuen. Die Sicherheitskräfte hatten ihre Mühe, die vielen Zuschauer in gebührendem Abstand zu den Tieren zu halten. Alle wollten nah ran, um attraktive Handymotive der tierischen Delegation zu ergattern.

3000 Kilometer haben die vier Wanderreiter – Peter van der Gugten aus der Schweiz, der Ungar Zsolt Szabo und die beiden Deutschen Tina Boche und David Wewetzer – mit ihren fünf Pferden zurückgelegt. Sieben Länder haben sie auf der Tour von der griechischen Metropole in die documenta-Stadt in Deutschland durchquert. Mit der Ankunft ist der documenta-Beitrag der schottischen Konzeptkünstlers Ross Birrell perfekt.

Die Idee für das Projekt „The Transit of Hermes“ (Die Durchreise des Hermes) hatte Birrell schon vor drei Jahren. Je konkreter das Vorhaben Gestalt annahm, umso mehr nahmen die politischen Spannungen in Europa zu und die Durchlässigkeit der Grenzen im Zuge der Flüchtlingskrise ab.

Ross Birrell

Darunter hatten auch die Reiter zu leiden: Am Übergang zwischen Mazedonien und Serbien mussten sie sechs Tage auf ihre Einreiseerlaubnis warten. „Nur weil der Stempel auf dem Papier nicht die richtige Farbe hatte“, wie Wanderrittführer Peter van der Gugten berichtete. „Es kann nicht sein, dass Autos problemlos über die Grenze kommen und Pferde nicht oder nur mit riesigem Aufwand“, kritisierte er. Überwältigend sei hingegen die Gastfreundschaft der Menschen gewesen. „Die Leute sind aus den Häusern gekommen, um uns auf einen Kaffee einzuladen“, erzählte der 53-Jährige. Und während sie den Kaffee brühten, habe man vorwegs schonmal einen Raki-Schnaps bekommen. „Es war ein beschwinglicher Ritt.“

Götterbote ohne Manieren: Der Arravani-Hengst Hermes streckte unserem Fotografen ungeniert die Zunge heraus.

Doch sie selbst seien nur die „Briefträger“ gewesen, sagte der Leiter der Reitergruppe und wies auf Hermes, den grau-gesprenkelten Arravani-Hengst und Namensgeber des documenta-Beitrags. „Er ist das Geschenk, das Griechenland, das Athen der Stadt Kassel und Deutschland macht.“

Hermes – benannt nach dem Schutzgott der Reisenden – begleitete die Ausführungen mit fortwährenden, herzzerreißenden Wiehern. Der sechsjährige Hengst ist eines der letzten rund 700 reinblütigen Arravani-Pferde aus den Bergen des griechischen Peloponnes. In ein paar Jahren werde die Rasse nicht mehr existieren, so van der Gugten. Nun hoffe man, dass sich ein Züchter in Deutschland findet, der bereit ist, die Rasse weiterzuzüchten. Für das Kunstpublikum in Kassel hinterließ der vierbeinige Götterbote dann noch eine ganz weltliche Erinnerung: ein paar frische Pferdeäpfel.

Großer Andrang: documenta-Fernreiter aus Athen kommen an

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