Leiterin Karin Stengel: „Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen“

documenta-Archiv: Ritterschlag ist geschafft

Sie arbeiten im documenta-Archiv im Dock 4: Leiterin Karin Stengel (von links), Medienarchivar Michael Schmeiser, Sabine Franke (Bibliothekarin), Susanne Rübsam (für das Archiv verantwortlich), Sekretärin Sabrina Götte, Projektmitarbeiterin Berlind Peters und Bibliothekarin Petra Hinck vor dem aufklappbaren „documenta-Tisch“ und den Plakaten der Ausstellung. Foto: Herzog

Kassel. Vor 50 Jahren, am 1. Juni 1961, hat das documenta-Archiv seine Arbeit aufgenommen. Die Einrichtung der Stadt Kassel feiert das Jubiläum mit einer Tagung, Filmvorführungen und einer Laurie-Anderson-Performance. Wir stellen das Archiv in Fragen und Antworten vor.

? Warum gibt es das documenta-Archiv überhaupt?

!Die Idee hatte documenta-Initiator Arnold Bode. Er dachte es sich als Werkstatt, um die jeweils nächste documenta vorzubereiten. „Bode war ein Tausendsassa“, sagt Karin Stengel, die seit 1993 das Archiv leitet. „Er hatte ein unheimliches Händchen für Leute und die Kraft, Menschen zu bündeln“ - heute würde man sagen: Er war ein Netzwerker. Mit dem Archiv wollte er Werner Haftmann, dem „intellektuellen Kopf“ der ersten documenta-Ausstellungen, einen Posten verschaffen. Das aber klappte nicht - die Stadt stellte sich quer. „Nicht gerade ein guter Anfang“, sagt Stengel, „es begann mit Zwistigkeiten.“

? Was findet man eigentlich im documenta-Archiv?

!Gesammelt werden alle Akten und Materialien zur documenta - etwa Briefwechsel mit Künstlern - bis hin zu Versicherungsscheinen. Jede documenta wird umfassend fotografisch dokumentiert. Dazu kommen Rezensionen und Publikumsreaktionen. Dabei wächst die Materialfülle ständig. Von der allerersten documenta gibt es überhaupt nur einen 20-Sekunden-Filmschnipsel. Inzwischen ist das gesamte Filmmaterial des Archivs des Hessischen Rundfunks auch in Kassel verfügbar. Vorhanden sind 250 000 Zeitungsausschnitte, 150 000 Einladungskarten und 2000 Aktenmappen in 533 Kartons.

? Geht es nur um die documenta?

!Nein, das Archiv im Dock 4, für das der Personalplan dreieinhalb Stellen vorsieht (de facto gibt es auch halbe und Drittel-Stellen), versteht sich als Spezialbibliothek für die zeitgenössische Kunst. Gesammelt wird Literatur zu allen documenta-Künstlern, bezogen werden über 100 Kunstzeitschriften aus aller Welt. Auch die Nachlässe von Arnold Bode und Künstler Harry Kramer werden aufbewahrt.

? Wer kann das Archiv benutzen?

!Im Prinzip jeder, der sich für die documenta und für Gegenwartskunst interessiert. Seit Jahren versteht es als seinen Auftrag, das Material nicht nur sicher zu hüten, sondern nutzbar zu machen - auch online, unter www.documentaarchiv.de

? Und wer sind die Hauptnutzer?

!Zunächst die documenta GmbH selbst. Und die Kasseler Uni mit ihrer Kunsthochschule, aber auch Experten, die sich zum Teil wochenlang für ihre Forschungen in Kassel aufhalten. Aus dem Material lassen sich etwa die Konzeptionen der documenta-Macher oder Tendenzen der Kunstkritik nachvollziehen. Vor jeder documenta steigt die Zahl der Presseanfragen. Genaue Nutzerzahlen gibt es jedoch nicht.

? Was tut das Archiv, um das Material nutzbar zu machen?

!In mehrfacher Weise habe es einen Ritterschlag geschafft, sagt Karin Stengel - durch die Aufnahme in wichtige Verbünde wie die Zentralbibliothek für Kunstgeschichte: „Wir sind als wissenschaftliche Institution anerkannt.“ Und durch die Förderung der Digitalisierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder. Mit dem Jubiläum feiert das Archiv den Abschluss des mediartbase.de-Projekts: Die gefährdeten Videobestände - etwa Aufnahmen von Performances - wurden erfasst, digitalisiert und „für alle Zeit“ gesichert, sagt Stengel: „Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen.“

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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