Glück und Grenzen dieser Erde

Lieblingskunstwerke der documenta 14: Ross Birrells Pferdevideo und sein Ritt von Athen nach Kassel weiten den Blick

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Medienrummel: Beim Abschied unterhalb der Akropolis in Athen standen die Langstreckenreiter – darunter Tina Boche und Zsolt Szabo – den Journalisten Rede und Antwort. Ganz rechts Arravani-Hengst Hermes, der dem 3000-Kilometer Ritt den Titel gab. 

Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im Artikel eins Absatz eins des Grundgesetzes. Doch was ist mit der Würde des Tieres? Wer Zweifel an deren Existenz hegt, muss sich nur das siebenminütige Video „Criollo“ von Ross Birrell in der Hauptpost anschauen.

Es ist anrührend: In einer schnelllebigen, modernen Welt steht ein Pferd fast regungslos am Rand einer belebten Straße im winterlichen New York. Im Hintergrund fahren Taxen und Lkw. Die Kamera fokussiert das Tier, einen Criollo, so auch der schlichte Titel. Das ist eine alte argentinische Pferderasse. Jedes Härchen ist zu erkennen. Die Augen des Tieres ziehen den Blick des Betrachters an.

Das in Zeitlupe aufgenommene Video fasziniert durch seinen Minimalismus und seine Intensität. Als Geräusch hört man nur ein undefinierbares, monotones Rauschen.

Es ist ein Gegenentwurf zum üblichen Anthropozentrismus. Hier steht das Pferd im Mittelpunkt, nicht in der gezüchteten Leistungsfähigkeit nach menschlichen Idealen, sondern in seiner Ursprünglichkeit. Subtil wird der Betrachter dazu gebracht sich zurückzunehmen und sein Verhältnis zur Mitkreatur zu überdenken.

Auch in einem weiteren d14-Beitrag nutzt Birrell (geboren 1969) das Pferd als Motiv: Mit „The Athens-Kassel Ride: The Transit of Hermes“ verbindet der schottische Künstler die beiden documenta-Städte Athen und Kassel. Rund 3000 Kilometer lang ist der Weg, den vier Reiter mit fünf Pferden bewältigten – morgen werden sie in Kassel erwartet.

Das Pferd im Mittelpunkt: Szene aus „Criollo“.

Tina Boche, Peter van der Gugten, Zsolt Szabo und David Wewetzer sind unter anderem mit einem Criollo unterwegs. Als Handpferd ist ein griechischer Arravani-Hengst namens Hermes dabei. In der griechischen Mythologie ist Hermes, der Götterbote, auch Schutzgott der Reisenden.

Schutz kann dieser Ritt gebrauchen, denn „Die Durchreise des Hermes“ überschreitet wortwörtlich Grenzen: Von Griechenland über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich bis nach Deutschland. Hier liegt die Herausforderung, denn es ist heute einfacher, mit einem Wagen Schlachtvieh eine Ländergrenze zu passieren, als im Wanderritt. Häufig stoßen die Reiter bei den Grenzübergängen an bürokratische Hürden.

Es ist ein mobiles, ephemeres Kunstwerk, das den Dialog – teilweise entlang der Zäune der Balkan-Route – einfordert. „Das Pferd gehört zu unserem Kulturgut“, sagte Wewetzer vor der Abreise in Athen, deswegen setze er sich für die „Rekener Charta“ ein, die den Erhalt von historischen Handelswegen unterstützt, um diese zu Pferd bereisen zu können.

Termin

Die Reise von Ross Birrells Reitern endet am morgigen Sonntag in Kassel. Mit einer Sondergenehmigung wird der Tross die Karlsaue durchqueren und gegen 14 Uhr auf dem Friedrichsplatz ankommen, wo er mit möglichst viel Publikum begrüßt werden soll. Birrell, Reiter Peter van der Gugten sowie Pferdezüchter und Tierarzt Konstantinos Kourmpelis geben Statements ab.

Hier finden Sie alle Beiträge der Serie Lieblingskunstwerke.

Interview: "Haben Freiheit gespürt"

Der Schotte Ross Birrell schickte vier Reiter und ein griechisches Arravani-Pferd namens Hermes von Athen nach Kassel. Wir haben den Künstler gesprochen.

Herr Birrell, können Sie überhaupt reiten? 

Ross Birrell: Nein, leider überhaupt nicht. Das ist für mich etwas ganz Neues.

Wie haben Sie den Ritt von Athen nach Kassel begleitet? 

Birrell: Wir haben telefoniert und mein Team hat den Ritt dokumentiert. Es war von vornherein klar, dass ich nicht die ganze Zeit dabei sein kann, aber ich bin immer wieder zu den Reitern gereist und habe sie ein Stück begleitet.

Was erlebt man auf dem Pferderücken, was mit keinem anderen Transportmittel möglich ist? 

Birrell: Das Projekt ist von Aimé Felix Tschiffely inspiriert, der 1925 von Buenos Aires nach Washington geritten ist. Es war mir wichtig, dass die Gesandten Europa nicht auf Schienen oder einer Autobahn durchqueren, sondern der Landschaft und den Menschen wirklich begegnen. Als 2015 die Flüchtlingsthematik hochkochte, wurde dabei auch der Bezug zur Balkan-Route immer wichtiger.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hat? 

Birrell: Es gibt zwei Erlebnisse, die mit Grenzen zu tun haben. An der EU-Grenze zwischen Mazedonien und Kroatien haben die Reiter sechs Tage auf ihre Einreise gewartet und sogar eine Nacht im Niemandsland gecampt. Und das als EU-Bürger. Dort haben sie mit Flüchtlingen gewartet, deren Zukunft völlig ungewiss ist. Auf der anderen Seite war es fantastisch, dass die Grenze zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien eine offene Fläche ist, auf der man Freiheit spürt. Wir haben das verbarrikadierte und das offene Europa erlebt.

Was ist Ihnen wichtiger: dass der Ritt stattgefunden hat, oder die Geschichte, die entsteht? 

Birrell: Es gehört beides dazu. Auf der einen Seite ist das Werk der Ritt an sich. Es ist passiert, aber die Leute haben es nicht gesehen. Also ist es auch etwas Poetisches, eine Geschichte oder nur ein Gerücht. Was wir mit der Dokumentation machen, werden wir noch sehen.

Wird Hermes, das Namensgeber-Pferd des Projektes, nach Griechenland zurückkehren? 

Birrell: Erstmal nicht. Er wird in Deutschland in einer Arravani-Herde leben.

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