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Antisemitismus-Streit auf documenta: Ruangrupa kritisieren erneut Experten

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Von: Matthias Lohr, Mark-Christian von Busse

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Szene aus der umstrittenen Filminstallation „Tokyo Reels“ in der Hübner-Halle: Jassir Arafat (1929-2004), Anführer der Fatah, Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation sowie erster Präsident der palästinensischen Autonomiegebiete. 1994 erhielt er mit Shimon Peres und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis.
Szene aus der umstrittenen Filminstallation „Tokyo Reels“ in der Hübner-Halle: Jassir Arafat (1929-2004), Anführer der Fatah, Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation sowie erster Präsident der palästinensischen Autonomiegebiete. 1994 erhielt er mit Shimon Peres und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. © Mark-Christian von Busse

Kurz vor Ende der documenta spitzt sich der Streit um propalästinensische Propagandafilme zu. Auch die Gesellschafter fordern einen Stopp der Aufführung. Ruangrupa kritisieren indes die Kritiker.

Kassel – Die Einschätzung des Expertengremiums, das zur Aufarbeitung antisemitischer Kunstwerke auf der documenta fifteen eingesetzt wurde, schlägt hohe Wellen. Die Fachwissenschaftliche Begleitung hatte es als dringlichste Aufgabe bezeichnet, die Vorführung eines Beitrags des Kollektivs Subversive Film im Hübner-Areal zu stoppen.

Dort würden unter dem Titel „Tokyo Reels Film Festival“ propalästinensische Filme gezeigt, die „mit antisemitischen und antizionistischen Versatzstücken“ versehen seien. Vor allem Kommentare zwischen den Filmen legitimierten „den Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus“. Die Reaktionen.

Der Aufsichtsrat

Die documenta-Gesellschafter Stadt Kassel und Land Hessen schließen sich diesem Votum an. Sie fordern in einer Stellungnahme den Stopp der Vorführungen – die Filme sollten nicht mehr gezeigt werden, „mindestens bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen wurde“. Die aktuelle Kommentierung der Filme sei „dazu nicht geeignet, da sie die teils antisemitischen und terroristische Gewalt verherrlichenden Propagandafilme gerade nicht historisch einordnet“.

Ruangrupa als künstlerische Leitung der documenta

Die Künstlerische Leitung der d15, Ruangrupa, begreift diese Aufforderung als unzulässigen Eingriff in die kuratorische Freiheit und lehnt es ab, die Filme abzuschalten. „Wir haben seit Monaten deutlich gemacht: Wir lehnen Zensur ab“, sagte Farid Rakun gestern im HNA-Interview.

Ruangrupa hätten sich von Anfang an gegen die Einrichtung des Expertengremiums ausgesprochen – „und wir bleiben bei unserer Einschätzung“. Natürlich sei es das Recht des Aufsichtsrats, einen Beirat einzuberufen. Reza Afisina erläuterte: „Aber für uns ist schon die Bezeichnung dieses wissenschaftlichen Beirats fragwürdig. Er fühlt sich an wie zu Zeiten des Kolonialismus, als die Bevölkerung in Indonesien durch Wissenschaftler abschätzig bewertet und abgeurteilt wurde.“ Es habe einen Kontakt mit den Experten bei einer gemeinsamen Vorstellung gegeben, aber keine inhaltliche Debatte. „Einen persönlichen Kontakt würden wir auch gar nicht ablehnen, aber uns auf eine Auseinandersetzung über die Inhalte der Ausstellung nicht einlassen, weil wir die Institution an sich ablehnen.“

Ruangrupa kritisieren auch die Kommunikation seitens der Gesellschafter: „Bislang haben wir noch keine offizielle englische Übersetzung der vorläufigen Einschätzung der Fachleute sowie des Statements des Aufsichtsrats bekommen. Keiner von uns kann Deutsch lesen.“ Es sei vorgesehen gewesen, dass der Bericht zuerst an den Aufsichtsrat geht und dieser sich mit Ruangrupa darüber verständigt. Stattdessen sei die vorläufige Bewertung der Ausstellung gleich über Twitter verbreitet worden, ehe die Künstlerische Leitung in Kenntnis gesetzt worden sei.

Ruangrupa bezweifeln, dass das Gremium alle Videos vollständig gesehen hat – vor allem nicht den wichtigen letzten der 21 Filme, der das Archiv kontextualisiere. Auf die Frage, was jetzt passieren wird, antwortete Farid Rakun: „Das fragen wir uns auch.“

Weitere Reaktionen

Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth fordert die Absetzung der Filme. Die Kunstfreiheit sei ein sehr hohes und besonders schützenswertes Gut, betonte die Grünen-Politikerin. Aber auch für sie gebe es eine klare Grenze: „Das ist die Menschenwürde, das ist Antisemitismus, wie auch Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit.“

Die Jüdische Gemeinde Kassel und das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben halten die Erklärung von Ruangrupa und den Künstlerkollektiven, in der sie dem Expertengremium eine „rassistische Tendenz“ und dem Aufsichtsrat aggressive sowie erniedrigende Äußerungen vorwerfen, für skandalös. In einem Statement fordern die jüdischen Institutionen einen Untersuchungsausschuss. Die Reaktion auf den Expertenbericht zeige, „wie weit antisemitisches Gedankengut“ unter den documenta-Organisatoren verbreitet sei. Das den Menschen zugewandte Prinzip des Lumbung, das Ruangrupa praktizieren, sei desaströs gescheitert.

Die Kuratoren müssten ihre „unsägliche Kampagne“ beenden und anerkennen, dass es auf der documenta Antisemitismus gebe. Nur so könnten sie ihren Ruf als Künstler und Menschen „noch halbwegs wahren“.

Unterstützung erhält die Künstlerische Leitung hingegen von der Kasseler Linken, die sich mit allen Beteiligten der documenta solidarisiert. Die Expertenkommission habe aus der eigenen Sichtweise Schlüsse gezogen und Vorwürfe veröffentlicht, die für die Künstler und die Ausstellung bedrohlich seien. Stephanie Schury, kulturpolitische Sprecherin der Linken, lobt die documenta, weil sie „eindringlich gezeigt hat, welche Perspektive und Erfahrungen in unserem westeuropäischen Denken zu kurz kommen“. (Mark-Christian von Busse, Matthias Lohr)

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