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Russische Exil-Künstlerin Victoria Lomasko hält die documenta fifteen in Zeichnungen fest

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Von: Leonie Krzistetzko

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Harvest zum bedeckten Taring-Padi-Banner kurz vor der Entfernung. Harvests: documenta fifteen, harvest by Victoria Lomasko, 2022
Harvest zum bedeckten Taring-Padi-Banner kurz vor der Entfernung. Harvests: documenta fifteen, harvest by Victoria Lomasko, 2022 © documenta fifteen, harvest by Victoria Lomasko, 2022

Victoria Lomasko ist Harvesterin bei der documenta fifteen. Sie hält künstlerisch fest, was während der Ausstellung geschieht. Die russische Exil-Künstlerin fertigt seit über zehn Jahren gezeichnete Reportagen zu sozialen Themen an - und ist sogar einmal in einer Tasche versteckt nach Belarus eingereist.

Victoria Lomasko sitzt im Innenhof des Gebäudes ihrer Kasseler Unterkunft. Sie hat zwei Mappen mitgebracht. Bestandsaufnahmen der documenta fifteen. Zeichnungen von Skandalen, von Künstlern und Mitarbeitenden. Sie zeigen die Seele der Ausstellung. Die russische Künstlerin wurde angefragt, die documenta in Harvests (Ernten) festzuhalten. Das sind die Darstellungen von Zusammenkünften auf der d15, die von Kunstschaffenden angefertigt werden. Bei Lomasko sind es kleine Momentaufnahmen, die Ende des Jahres in einem Bildband veröffentlicht werden sollen. Sie ist zum zweiten Mal in Kassel, im Exil lebt sie seit März. Ihre Geschichte ist eine von Zwang, von Traumata, Mut und dem Drang, Menschen eine Stimme zu geben.

Seit über zehn Jahren setzt Lomasko sich mit sozialen Themen auseinander, begleitet Proteste, schaut auf Gruppen, denen sonst keine Bühne gegeben wird. Dazu gehören Sexarbeitende wie Aktivisten. Sie erzählt vom Zerschlagen der Sowjetunion und der darauffolgenden Hungersnot, vom Leben in der Provinz. Vom strikten Vater, der sie in die Kunst gepeitscht, und ihre Gedichte zensiert hat, bis sie keine Poetin mehr werden wollte.

Ihr Vater, ein unbekannter Künstler aus einer kleinen Stadt, wie sie ihn beschreibt, musste in der Sowjetunion kommunistische Ideologie verbreiten. „Er hat dutzend- oder hundertmal in seinem Leben Lenin gemalt und es gehasst“, erzählt sie. Deshalb habe er davon geträumt, dass sein Kind nicht-ideologisch geprägte Kunst schaffen und damit bekannt wird – ein Ziel, das er mit Druck erreichen wollte. Lomasko erinnert sich zurück an eine Leinwand, die sie im Alter von drei Jahren für ihn füllen musste.

Zeigt eines ihrer Harvests zur d15: Victoria Lomasko.
Zeigt eines ihrer Harvests zur d15: Victoria Lomasko. © Leonie Krzistetzko

Dass ihr Herz für das Zeichnen und Geschichten schlägt, hat sie trotzdem gespürt, und in der Kunst einen Weg in eine bessere Zukunft gesehen: „Ich habe schon als Kind viel gearbeitet, weil ich bemerkt habe, dass ich eine professionelle Künstlerin werden muss, wenn ich eine Perspektive haben möchte.“ Später studierte sie Druckgrafik und Buchdesign in Moskau, arbeitete für ein politisches Magazin als Illustratorin. Eigentlich wollte sie jedoch ihre eigenen Geschichten erzählen.

Ihr Anliegen sei es gewesen, den „gewöhnlichen Menschen“ eine Stimme zu geben. „Ich weiß, was es bedeutet, in der russischen Provinz zu leben“, sagt sie: „Es geht für die meisten nur ums Überleben. Es gibt wenig Bildung und Perspektiven, dafür viel Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt – ich wollte diese unsichtbaren Menschen zeigen.“ In der Arbeit sei ihr aufgefallen, dass diese Schicksale mit größeren sozialen Problemen und der Politik zusammenhingen.

Mittlerweile fertigt Lomasko Bildreportagen an, hat mit „Verbotene Kunst“ und „Die Unsichtbaren und die Zornigen“ bereits zwei Bücher veröffentlicht. Gerade wartet sie noch darauf, dass ihr jüngstes Buch „The Last Soviet Artist“ in mehrere Sprachen übersetzt wird. Hier beleuchtet sie, wie ehemalige Sowjetrepubliken sich in etwas Neues verwandeln, und wie die sowjetische Vergangenheit in ihnen untergeht.

So beispielsweise Belarus, in das sie 2020 in einer Tasche versteckt über die Grenze gereist ist, um die dortigen Proteste zu begleiten. Auch an Demonstrationen in Russland, beispielsweise gegen die Annexion der Krim 2014, habe sie teilgenommen.

Selbstporträt der Künstlerin Victoria Lomasko. Es zeigt sie bei der illegalen und versteckten Einreise nach Belarus.
Selbstporträt der Künstlerin Victoria Lomasko. Es zeigt sie bei der illegalen und versteckten Einreise nach Belarus. © Victoria Lomasko

Schon vor ihrer Flucht sei es für die Künstlerin gefährlich gewesen, erzählt sie. Sie sei zensiert worden, hätte Jobs verloren und Möglichkeiten, ihre Kunst auszustellen. Nach dem Beginn des Kriegs in der Ukraine habe es für sie keine andere Möglichkeit gegeben, als ins Exil zu gehen: „Putins Regime hat uns ziemlich klar gezeigt, dass es eine Diktatur ist. Die Message ist angekommen.“

Zurzeit ist Lomasko Stipendiatin an der Akademie Solitude in Stuttgart und für ihre Harvests noch bis Ende des Monats in Kassel. Ihre Mappen enthalten Zeichnungen zwischen Großereignissen wie der Entfernung des Taring-Padi-Banners auf dem Friedrichsplatz sowie privaten Begegnungen und Zeichnungen von Künstlern wie Ruangrupa-Mitglied Indra Ameng und Dan Perjovschi. Sie überlegt noch, welche der Geschichten Teil des Bildbandes werden. „Ich fühle mich gut als Harvesterin“, sagt sie. „Ich und meine Perspektive werden als wertvoll und interessant angesehen – so wie jede Geschichte und jeder Mensch um mich herum wertvoll und interessant ist.“

Harvest zu Indra Ameng.
Harvest zu Indra Ameng. © documenta fifteen, harvest by Victoria Lomasko, 2022

Sie habe keine konkreten Pläne für ihre Zukunft und wo sie leben wird, sagt sie. Nach Russland möchte sie erst zurück, wenn Putin nicht mehr an der Macht ist. Aktuell bange sie jeden Tag um ihr Visum. Dass Olaf Scholz eine Einreisesperre zurzeit ablehnt, sei ein Lichtblick für sie: „Ich habe wieder Hoffnung für meine Zukunft.“

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