Mein Lieblingskunstwerk: Aufgetürmte Metallberge von Lara Favaretto

Schrotthaufen: Wer sich auf Lara Favarettos Kunstwerk auf der Nordseite des Kulturbahnhofes einlässt, gerät in eine Diskussion über die Vergänglichkeit all dieser Güter. Ohne die documenta wäre der hier fotografierte Besuch aus Kanada wohl sonst nie an diesen Ort gekommen. Foto: Kühling

Autoschrott, Wellen einer Industriemaschine, rötlich rostender Stahl eines Containers. Irgendwo ragt die Achse eines Traktors samt Rädern aus dem Haufen hervor. Das Auge pickt sich immer wieder Neues heraus aus dem Werk von Lara Favaretto.

Ein Kunstwerk, das nur auf den ersten Blick keines zu sein scheint, weil es daherkommt wie ein Berg aus wahllos zusammengetragenen Metallresten.

Doch die Botschaften und Fragen, die die Italienerin mit ihrem Werk „Momentary Monument IV“ den documenta- 13-Besuchern mit auf den Weg entlang des Nordflügels des Kulturbahnhofes gibt, sind eindrucksvoll. Hat jede einzelne Maschine ihren Zweck erfüllt? Wer sorgt für die Entsorgung all dieser Teile? Unweigerlich gibt der Betrachter Antworten. Jeder verfängt sich in Gedanken, die über die naheliegendste Frage „Brauchen wir all diese Dinge wirklich?“ weit hinausgehen.

Mit ihrem Schrott schafft Favaretto mehr als manche Umweltorganisation mit buchdicken Grundsatzprogrammen. Sie hinterfragt und fasziniert auf einfache Weise.

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Der zweite Aspekt, der den Schrotthaufen zu einem herausragenden Ausstellungsteil werden lässt, ist der Schauplatz. Zwar stellt Favaretto auch Schrottteile in einem weißen Raum im Kulturbahnhof aus, aber besonders die Gleise, die zum Teil schon Opfer wuchernder Pflanzen geworden sind, passen perfekt zu dem Haufen aus Metall. Beides führt Vergänglichkeit vor Augen. Auch die verfallenen Bahngebäude sind Teil der skurrilen Kulisse. Auf einem Prellbock hinter Büschen ist die Nummer 128 zu lesen. Hat das noch eine Bedeutung?

Der Autor dieses Textes hat selbst als Kind genau von der gegenüberliegenden Seite des Hauptbahnhofes diese Gleisanlagen aus dem Fenster der Umkleide einer alten Eisenbahnersporthalle in Aktion gesehen. In Dunkelheit und Schneetreiben reihten Dieselloks Waggon an Waggon zu langen Ketten auf. Heute regieren dort Rost und eine unglaublich grüne Pflanzenwelt.

Beeindruckend, wie es die documenta schafft, Menschen aus der ganzen Welt an diesen Ort zu holen. Kaum jemand hätte vermutlich jemals einen Blick auf die versteckten Schienen und die bröckelnden Bahngebäude geworfen.

Von Sven Kühling

Quelle: mydocumenta

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