Rätsel um Altmetall am Bahnhof - Schweinemilch und Schrott

Documenta: Am Weinberg entstehen Riesenplastiken

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Ferkel-Amme auf Riesenknochen: Im unteren Teil des Henschelgartens am Weinberg steht schon die erste Plastik des Argentiniers Adrián Villar Rojas, der das Gelände mit seinen Großplastiken künstlerisch gestalten wird.

Kassel. Mehr und mehr wird der Henschelgarten über dem Weinberg zum documenta-Spielort. Passanten erkennen dies an einem großen Kranwagen, der von der Frankfurter Straße her Material für die Wegebauer vom Umwelt- und Gartenamt hinaufschafft.

Auf dem Gelände hat das erste Kunstwerk schon Form angenommen: Ein acht Meter langer künstlicher Knochen liegt wie hingeworfen in der Gartenszenerie. Auf dem Gebilde hockt eine Frauengestalt mit Irokesenfrisur und gibt einem Ferkel nährend die Brust.

Für die bizarre Figur hat Ralf Klute kaum einen Blick. Er interessiert sich mehr für die hölzernen Stützen unter dem frei schwebenden Teil des Riesenknochens. Ein paar Kunst-Handwerker wollen von dem Bauingenieur wissen, ob die Träger nun weg können.

Klute, der im Auftrag der documenta über die Statik wacht, muss sich die Fragen erst ins Englische übersetzen lassen. Denn er spricht kein Spanisch wie die Männer, die zum Team des Künstlers Adrián Villar Rojas gehören. Wie zu hören war, wird der Argentinier im unteren Teil des Henschelgartens mehrere Großplastiken aufbauen.

Kunstwerke auf dem Weinberg und am Kulturbahnhof

Jede Menge Altmetall: Am Ende der Zollamts-Ladestraße beim Kulturbahnhof wächst ein gewaltiger Schrotthaufen empor. Wer und welches Konzept hinter der Installation steckt, ist den documenta-Verantwortlichen bislang noch nicht zu entlocken.

Seine Ader fürs Monumentale hat Villar Rojas mehrfach unter Beweis gestellt – im Vorjahr mit elf Riesenobjekten als argentinischer Beitrag zur Biennale in Venedig sowie 2009, als er einen lebensgroßen Blauwal wie gestrandet in ein Waldstück in Patagonien modellierte. Man kann also gespannt sein, welche Gesellschaft die Ferkel-Amme auf dem Weinberg noch bekommen wird. Weitere Objekte werden offenbar an einer zum Philosophenweg hin gelegenen Terrassenmauer entstehen, wo das Team des Argentiniers gerade große hölzerne Stützen anbringt.

In großen Dimensionen denken auch die – bislang unbekannten – Urheber einer ausgedehnten Installation aus Altmetall am Ende der alten Zollamts-Ladestraße beim Kulturbahnhof. Dort spielt seit Tagen ein Greifbagger Mikado mit Schrott aller Art, der sich bereits zu stattlichen Bergen auftürmt.

Documenta-Mitarbeiter wachen darüber, dass niemand das eingezäunte Areal betritt und schweigen ansonsten eisern zu der Frage, was dort wohl im Entstehen sei.

Bei Bahn-Mitarbeitern, die in der Nähe arbeiten, haben schon allerlei Gerüchte über den künstlerischen Sinn die Runde gemacht. „Vielleicht irgendwas mit Erdbeben oder Atom“, berichtet einer von ihnen und macht ein bedeutsam diplomatisches Gesicht, als im Gespräch der Begriff „Kunstwerk“ fällt. Der Eisenbahner hat keine Idee, wie hoch der Altmetallhaufen noch wachsen könnte. Er sieht die Sache eher arbeitsschutzpraktisch als kunstästhetisch: „Das ist ja vor allem eine Frage der Sicherheit.“

Skeptisch verfolgen Marion Schenk und Monika Steinmetz das Werk des Schrott-Greifers. Die Frauen arbeiten auf dem Bahnhofsgelände und sind in der Mittagspause herübergeschlendert, um das Spektakel zu verfolgen. Für sie ist die Sache klar: Kunst ist Kunst und Schrott ist Schrott. Was hier hin- und herbewegt werde, sei ja offensichtlich. Der Neugier der Frauen auf die documenta tut dies jedoch keinen Abbruch.

Von Axel Schwarz

Quelle: mydocumenta

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