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Sie tun etwas gegen Nazis: Omas gegen Rechts auf der documenta

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Von: Matthias Lohr

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Sind im Juli jeden Donnerstag im Ruruhaus zu sprechen: Petra Kunz-Ludwig (von links), Annette Ulbricht und Cornelia Seng von den Omas gegen Rechts. Die Initiative erhielt gerade den Paul-Spiegel-Preis.
Sind im Juli jeden Donnerstag im Ruruhaus zu sprechen: Petra Kunz-Ludwig (von links), Annette Ulbricht und Cornelia Seng von den Omas gegen Rechts. Die Initiative erhielt gerade den Paul-Spiegel-Preis. © Matthias Lohr

Seit Jahren engagieren sich die Omas gegen Rechts für die Zivilgesellschaft. Nun wurde die bundesweite Initiative vom Zentralrat der Juden ausgezeichnet. Und auch auf der documenta sind die Omas aktiv.

Kassel – Als Petra Kunz-Ludwig vor einigen Jahren mit Bekannten sprach, war sie richtig erschrocken. „Selbst intelligente Frauen entwickelten plötzlich rechte Gedanken und sprachen sie auch aus“, sagt die ehemalige Kinderkrankenschwester.

Damals dachte sie sich: „Dagegen muss man etwas tun.“ Auch deshalb engagiert sich die 66-Jährige bei den Omas gegen Rechts. Die Initiative wurde 2017 in Wien von Seniorinnen aus Protest gegen die rechte österreichische Regierung gegründet. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 100 Ortsgruppen, seit 2018 auch eine in Kassel.

Gerade erhielten die deutschen Omas in Berlin vom Zentralrat der Juden in Deutschland den Paul-Spiegel-Preis. „Das ist eine tolle Anerkennung für alle Omas gegen Rechts“, sagt die Kasselerin Cornelia Seng (67). Und auch die documenta bietet den Omas ein Forum: Als Teil des Kasseler „Ekosistems“ stehen sie im Juli jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr im Ruruhaus für Gespräche zur Verfügung, das nächste Mal morgen.

Schon beim ersten Termin vorige Woche sei man mit vielen internationalen Besuchern ins Gespräch gekommen, sagt Annette Ulbricht (68), einst Pressesprecherin der Universität: „Eine Australierin war von der Idee der Omas gegen Rechts so begeistert, dass ich ihr meinen Button geschenkt habe. Sie wollte ihn unbedingt haben.“

Der Name der Initiative, die über Facebook entstand, ist einprägsam. Wobei eine Oma gegen Rechts keine Oma sein muss. Es gibt keine Altersbeschränkung. „Wir sind eine junge Bewegung von Frauen in der zweiten Lebenshälfte“, sagt Seng, die einst Pfarrerin in Wermelskirchen im Bergischen Land war.

In Kassel nahm man die Initiative erstmals im Juli 2019 wahr, als wenige Wochen nach dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke Tausende Menschen gegen einen Neonazi-Aufmarsch auf die Straße gingen. Beharrlich erinnerten die Omas später immer wieder an den Beschluss der Stadtverordneten, dass es in Kassel keine Waffenbörse mehr geben soll – bis die umstrittene Messe die Region verließ.

Auch sonst ist die lose und aus etwa 30 Frauen aus der gesamten Region bestehende Gruppe, die sich regelmäßig im Stadtteilzentrum Agathof in Bettenhausen trifft, vielfältig aktiv. Einige Omas engagieren sich in einer von ihnen mit angestoßenen Arbeitsgruppe, die die Erinnerungstafel für die Synagoge in der Unteren Karlsstraße sichtbarer machen will.

Und gerade bereichern sie mit einem Vorschlag die Debatte um die Zukunft des Ruruhauses. Demnach soll das ehemalige Sportkaufhaus, in dem diesen Sommer das Herz der documenta schlägt, nach der Ausstellung ein Ort für Kultur, Kunst und die Zivilgesellschaft werden. „Netzwerke sollten hier einen Ort haben, an dem sie sich austauschen können. So könnte auch nach der documenta Lumbung praktiziert werden“, sagt Ulbricht. Einen Brief mit diesem Vorschlag haben die Omas an Oberbürgermeister Christian Geselle und Kulturdezernentin Susanne Völker geschickt.

Auch die Debatte um den Antisemitismus-Eklat auf der documenta verfolgen die Omas. Für Seng lenkt die Diskussion um das längst abgebaute Kunstwerk von Taring Padi vom eigentlichen Antisemitismus-Problem hierzulande ab: „Es ist unfassbar, dass Juden in Deutschland auch 80 Jahre nach dem Holocaust noch vor Übergriffen geschützt werden müssen.“

Für die Omas gegen Rechts bleibt also noch viel zu tun. Im Netz bekommen sie von rechten Witzbolden oft blöde Sprüche zu hören wie: „Die Omas sollten lieber stricken und Kuchen backen und die Klappe halten.“ Diesen Gefallen werden sie ihnen nicht machen. (Matthias Lohr)

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