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So war die documenta fifteen: Die Kulturredaktion der HNA zieht Bilanz

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Von: Kirsten Ammermüller, Leonie Krzistetzko, Bettina Fraschke, Mark-Christian von Busse

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Zentraler Ort der documenta: das Fridericianum mit den von Dan Perjovschi gestalteten Säulen.
Zentraler Ort der documenta: das Fridericianum mit den von Dan Perjovschi gestalteten Säulen. © Uwe Zucchi/dpa

Nach 100 Tagen ist die documenta fifteen gestern zu Ende gegangen. Was bleibt von dieser 15. Ausgabe der Weltkunstschau?

Was hat sich eingeprägt, welche Themen waren wichtig, wie fällt das Fazit aus? Vier persönliche Sichtweisen zum Ende der Ausstellung.

Kunst ohne Distanz: documenta 15 gab künstlerisch vielfältige Einblicke in fremde Leben

Von Leonie Krzistetzko

Eintauchen in die Lebensrealitäten und Probleme anderer Länder, Kulturen und Gemeinschaften durch Werke, die ankreidend, aber nicht abgehoben, offen, aber keinesfalls anbiedernd sind: Das hat die documenta fifteen für mich ausgemacht.

Denn auch wenn die Kunstwerke und Kollektive höchst verschieden waren, gab es doch mehrere Themen die viele von ihnen vereinten: Da wären zum einen der Drang nach Identitätsfindung und nach Gerechtigkeit, aber auch Aufstandsbestrebungen für eine bessere Welt und mehr Nachhaltigkeit. Was man aber wohl allen Kunstwerken nachsagen kann: Sie wollten die Wahrnehmung, den Blick ihrer Betrachter öffnen, für Themen und Perspektiven, die ihnen sonst verwehrt bleiben würden.

Das ging nicht immer gut, wie man an der Antisemitismus-Diskussion und an dem Eklat durch das Banner von Taring Padi sah – oftmals aber schon, und das ganz undogmatisch.

Dabei waren die Werke in ihren Kunstformen vielfältig, sodass es Spaß machte, sich genau diesen Themen zu öffnen, hinter die Fassade des Gezeigten zu blicken. Wie sieht die Situation der Roma in der Kunst aus – womit hat ihre queere Gemeinschaft zu kämpfen? Mit welchen Problemen sieht sich die indigene Bevölkerung in Australien konfrontiert? Und was für Lösungsansätze könnte es geben?

Mich haben diese Themen berührt, zum Nachdenken angeregt, über die Situation der anderen – aber auch darüber, welche Parallelen man zu den Problemen im eigenen Land ziehen kann. Geschichten, die sich zum Teil tausende Kilometer entfernt abspielen, haben in Kassel eine Plattform bekommen. Die Kunst hat die räumliche und gesellschaftliche Distanz geschlossen.

Kunst, die nahbar ist: Die Wander-Installation „Genki-Ro“ des japanischen Künstlers Takasi Kuribayashi stand hier beim letzten Meydan-Festival auf dem Areal des Sandershaus.
Kunst, die nahbar ist: Die Wander-Installation „Genki-Ro“ des japanischen Künstlers Takasi Kuribayashi stand hier beim letzten Meydan-Festival auf dem Areal des Sandershaus. © Mark-Christian Von Busse

Für mich haben nicht nur die Werke der d15 zu dieser Nähe beigetragen. Vielmehr waren es die Kunstschaffenden selbst, von denen viele in der Stadt präsent waren – die bereit waren, ihre Geschichten zu erzählen und ihr Wissen zu vermitteln. Und die mit einer Leichtigkeit und familiären Nähe an die Besuchenden rangegangen sind. Zum Teil konnten die Kunstwerke sogar begangen, ja berührt werden, wie in Takashi Kuribayashis Kräutersauna „Genki-Ro“, die für mich symbolisch für den Inklusionsgedanken der d15 steht.

Wenn ich zurückblicke, bleibt dieser Gedanke: Die d15 hat Kunst ohne Distanz gezeigt, und Kunst, deren Themen mich noch immer beschäftigen.

Formwille war eine Seltenheit - documenta als Brennglas für Trends und Debatten

Von Bettina Fraschke

Wenn man die Erinnerungen zählt, die in meinem Kopf haften bleiben, war es eine großartige documenta. Schöne Gespräche, Begegnungen mit Künstlern, die erzählten, die ihre Arbeit vorstellten. Dieser Austausch voller Menschlichkeit war wundervoll. Ich habe vom Leben im kenianischen Slum erfahren, von Abschiebung in Dänemark, von Landverlust in Indonesien.

Es war ein strahlender Sommer, wenn ich die documenta fifteen wie ein Festival betrachte. Leichtigkeit und Gewichtigkeit in guter Balance. Die Zugänglichkeit der Ausstellung war sensationell.

Doch es gibt ein Aber. Mich haben vor allem solche Kunstwerke überzeugt, die eine dezidierte Form hatten. Positionen, die künstlerisch durchgearbeitet waren, die für eine Idee extra ein Medium / ein Material / ein Format gefunden haben. Besonders stark waren für mich Werke, die Bedeutungsebenen schichteten, bei denen es vieles zu entdecken gibt. Eine solche Transzendenz findet sich immer seltener.

Familien-Porträt auf einer Motorhaube: Kunstwerk von Selma Selman.
Familien-Porträt auf einer Motorhaube: Kunstwerk von Selma Selman. © Fischer, Andreas

In dieser Hinsicht spiegelt die documenta fifteen einen Trend, der im Kulturbetrieb – auch im Theater – immer stärker wird. Durch den Wunsch nach Partizipation (oder besser: den Anspruch darauf) und durch die immer lauter werdenden Forderungen, dass man sich mit allen (künstlerischen) Äußerungen gesellschaftlich und gesinnungsmäßig zu positionieren habe, wirken Kunstwerke, die sich dem entziehen, fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ich kann mich mit dem Aktivismus- und Teilhabe-Trend, bei dem man sich wechselseitig versichert, auf der richtigen Seite zu stehen, noch nicht recht anfreunden.

Werke, die für sich stehen, die vielleicht rätselhaft sind, bei denen man in Formgestaltung schwelgen kann: Für mich haben gerade sie auf dieser documenta besonders große Kraft gehabt. Etwa: Pinar Örenci, Selma Selman, Versia Harris, Hito Steyerl.

Eins gehört aber auf jeden Fall auch zur Bilanz: Wenn wir in ein paar Jahren zurückschauen, werden wir feststellen, dass die d15 es wie alle ihre Vorgängerausstellungen wieder geschafft hat, die großen Themen ihrer Zeit wie in einem Brennglas zu bündeln – und zwar sowohl in der Ausstellung selbst, als auch in der Debatte, die sich um ihre Struktur entzündet hat. Das zeigt die Bedeutung des Formats documenta.

Die Stille wird laut - die documenta als Gemälde, das sich zu erschließen galt

Von Kirsten Ammermüller

Vogelgezwitscher, Naturklänge, menschliche Stimmen, die vom Verlust ihres Landes erzählen und zum Abschluss ein anschwellender Chor mehrstimmigen Gesangs. Sobald dieser abrupt endet, breitet sich im Ballsaal des Hotel Hessenland eine Stille aus, die in den Ohren dröhnt. Die Klanginstallation von Madeyoulook, einer interdisziplinären Kooperation zwischen Molemo Moiloa und Nare Mokgotho, geht unter die Haut. Allein mit Tönen erschafft sie ein imposantes Gemälde, das vom Verhältnis Mensch und Natur sowie der Kolonialgeschichte Südafrikas erzählt. Es sind Bilder und Geschichten, wie sie vielfältig auf der documenta fifteen zu finden sind.

Wie wird die Stille klingen, wenn der Vorhang für die fünfzehnte Ausgabe der Weltkunstausstellung in Kassel fällt? Ich habe eine documenta erlebt, die ähnlich der Klanginstallation im Hotel Hessenland, in einer großen Komposition ein Gemälde entwirft, das bei jeder Betrachtung Neues entdecken lässt. Von strahlend bunt bis dunkel, von Dur bis Moll, war jede Tonart, jede Schattierung vertreten. Es war inspirierend, sich in diesem Gemälde zu bewegen, Licht in dunkle Winkel zu bringen, das Bild nicht nur in einer Draufschau zu betrachten, sondern sich weitere Ebenen zu erschließen.

Macht Kolonialgeschichte erfahrbar: Die Raum- und Klanginstallation Madeyoulook im Hotel Hessenland.
Macht Kolonialgeschichte erfahrbar: Die Raum- und Klanginstallation Madeyoulook im Hotel Hessenland. © Fischer, Andreas

„Lumbung“ und „Nongkrong“, zwei Begriffe, die bereits vor der Eröffnung für große Neugier sorgten, füllten sich zunehmend mit Leben. Zu erleben waren die auf Partizipation und Gemeinschaft ausgerichteten Werte unter anderem im Fridericianum im Bereich von Rurukids und Gudskul. An der Skateboardrampe in der documenta-Halle von der Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture aus der thailändischen Provinz Ratchaburi.

Die Stille am Ende der documenta wird laut. So wie die Besucher im Hotel Hessenland nach dem letzten Ton in einer Umgebung maroder Tristesse einstiger Schönheit, wird sich die Kunstwelt in einem Raum wiederfinden, in dem der Kunstbegriff neu verhandelt wurde. Kunst als Mittel, politische und gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, ist keine Neuerfindung der documenta. Der Ansatz des gemeinschaftlichen Arbeitens wurde in Kassel erweitert und besticht durch lebendige Beispiele – darin liegt so viel Potenzial.

Anklage, Geschenk, Tragik - Der Antisemitismus-Konflikt überschattet die Ausstellung bis zuletzt

Von Mark-Christian von Busse

Ein Arzt im Ruhestand über seine Lektüre des documenta-Handbuchs: „Da geht mir das Messer in der Tasche auf.“

Dieses Urteil über die documenta fifteen erschreckt mich. Es stimmt: Zahlreiche der von Ruangrupa eingeladenen Kollektive attackieren die brutalen Gewalttaten der Kolonialzeit und deren weitreichende Folgen, einen ausbeuterischen globalen Kapitalismus, den Raubbau an der Natur, westliche Überlegenheitsgefühle. Die viel zitierten alten, weißen Männer dürfen sich durchaus angegriffen fühlen.

Klarer als mit den Kleiderballen und Schrotthaufen von The Nest Collective auf der Karlswiese lässt sich das nicht ausdrücken: „Return To Sender“, zurück zum Absender. Wir werfen euch euren Müll vor die Füße.

Eine Stärke dieser documenta ist aber für mich, dass sie nicht bei einer Anklage mit Mitteln der Kunst stehen bleibt. Sie illustriert nicht nur, vor welchen Herausforderungen unsere zerrissene Welt steht. Sie ist optimistisch, glaubt an Lösungen, oft im Kleinen, an Gemeinschaft, das Teilen von Ressourcen, Solidarität. Das mag man mitunter naiv finden. Aber die d15 demonstriert, wie Kunst zu sozialen Veränderungen beitragen kann, auch wie wichtig Kreativität unter prekärsten, schwierigsten Bedingungen ist, bei Menschen mit Behinderung (Project Art Works) wie im Slum in Nairobi (Wajukuu Art Project).

Der ganze Konflikt in zwei Parolen: „Befreit Palästina“ und „Unterstützt Israel“ auf der Halfpipe für Skater in der documenta-Halle.
Der ganze Konflikt in zwei Parolen: „Befreit Palästina“ und „Unterstützt Israel“ auf der Halfpipe für Skater in der documenta-Halle. © Von Busse, Mark-Christian

Dazu kommt: Nie hat sich eine Künstlerische Leitung so sehr auf Kassel eingelassen wie Ruangrupa. Für die Stadt war die d15 ein Geschenk.

Es ist deshalb geradezu tragisch, dass die Antisemitismus-Debatte diese documenta bis zuletzt überschattet. Ein einziges Motiv auf dem Taring-Padi-Banner hatte unbestreitbar eine klar antisemitische Bildsprache, doch ist es der documenta-Leitung nicht gelungen, die wiederkehrenden Antisemitismus-Vorwürfe auszuräumen.

Leider muss man aber auch das konstatieren: Der britische Comedian David Baddiel beschreibt im Buch „Und die Juden?“ über die Identitätspolitik, wie bei all ihrer Sensibilität Juden oft ausgeschlossen bleiben, wenn Diskriminierungen beklagt werden. Auch der documenta, die umfassend Rasssismus und Homophobie zum Thema macht, fehlt dieses Gespür für Juden als eine bedrohte Minderheit.

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