Die documenta verstehen: Wir lieben Objekte - Die d13 thematisiert unsere Beziehung zu ihnen

Speichermedien für Geschichten

Auf Lagerregalen: Kader Attia zeigt im Fridericianum Holzskulpturen und Bilder von kriegsversehrten Menschen, Bücher und reparierte Objekte, die aus einem Mix von afrikanischem und kolonialen Materialien hergestellt wurden. Fotos: Fischer

Kassel. Immer mehr Erinnerungen unseres Lebens sind ins Virtuelle verlagert – gespeichert in den Tiefen des Internets, auf Fotochips und Festplatten. Doch es gibt auch sehr dingliche Speichermedien für Geschichten: Objekte, die untrennbar mit persönlichen oder politischen Erinnerungen verbunden sind. Die documenta widmet ihnen größte Aufmerksamkeit. Sie zeigt an vielen Beispielen, wie private und politische Geschichte Objekte verändert, zerstört, tarnt, verschönert, kurz: sich ihnen einspeichert.

Dieser Blick sowohl auf die Alltagsgegenstände, als auch auf die kleinen Privatheiligtümer, die uns in unserem Leben umgeben, öffnet eine zutiefst menschliche und warmherzige Perspektive, bezieht die Betrachter ein. So ist im Katalog die Rede davon, dass unsere heutigen Lieblings-Objekte Smartphones sind - Fetische der Internetwelt.

Die Schatzkammer der Ausstellung – „Das Gehirn“ („The Brain“) im Fridericianum – ist komplett diesen besonderen Gegenständen gewidmet. Im „Gehirn“ wird ein Kosmos von Geschichten erlebbar. Zum Beispiel vor einer Porzellanstatue, die die Kriegsfotografin Lee Miller 1945 aus Adolf Hitlers Wohnung mitgenommen hat. Wie ist in dem Figürchen das Unheimliche des früheren Besitzers verankert? Warum schauen wir den Frauenakt anders an, wenn wir seinen früheren Standort kennen?

Ausgestellt sind auch unförmige Klumpen, die einst in Beirut im Museum standen. Bei einem Brand während des libanesischen Bürgerkriegs sind sie verschmort. Es waren wertvolle Zeugnisse der Kulturgeschichte. Welchen Wert haben sie heute, wo ihre äußere Gestalt vom Krieg erzählt?

Auch Backsteine stehen hier. Der Künstler Tomas St. Turba bezieht sich auf einen Protest der Tschechen in den 60ern als die Sowjets das Radiohören verboten. Die Menschen haben Backsteine genommen und so getan als wären es Radios. Unzählige wurden von den Besatzern konfisziert - Rebellion in Ziegelstein.

Oben im Fridericianum hat der algerischstämmige Franzose Kader Attia einen beeindruckenden Raum mit Vitrinen und Lagerregalen gestaltet - also mit den typischen Möbeln zum Lagern von Objekten. Er beschäftigt sich mit dem Thema Reparatur und zeigt neben bedrückenden Bildern von grob „reparierten“ Verletzten aus dem Ersten Weltkrieg Alltagsgegegenstände aus Afrika denen die Menschen traditionelles sowie Material der Kolonialmächte genutzt haben - umfunktionierte Patronenhülsen etwa. Es sind Hybrid-Objekte, die Geschichten von kultureller Aneignung erzählen. Und von purem Pragmatismus.

In der Karlsaue beschreitet die Italienerin Anna Maria Maiolino einen anderen Weg, um sich mit unserer Liebe zu Gegenständen auseinanderzusetzen. Wie bei einem Sammler sieht das kleine Gärtnerhaus aus. Auf Tischen, in Schränken, Regalen und Küchenmöbeln liegen fein säuberlich aufgereiht hunderte aus Ton geformte Würste: Vorratshaltung.

Von Bettina Fraschke

Quelle: mydocumenta

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