Standpunkt zum documenta-Abschlussbericht: Bilanz eines kollektiven Versagens

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Performance im Athener Museum EMST: Marta Minujín, die voriges Jahr in Kassel den Parthenon der Bücher errichtet hat, zahlte zum Auftakt der documenta 14 die griechischen Schulden einem Angela-Merkel-Double symbolisch in Oliven zurück. Der Standort Athen sollte der documenta selbst ein gigantisches Defizit bescheren.

Die Pressemitteilung nach der Sitzung des Aufsichtsrats liest sich, als solle um das Defizit, das die documenta 14 mit ihrem Abstecher nach Athen verursacht hat, kein Aufhebens mehr gemacht werden.

Dabei ist das Minus erheblich höher als bisher bekannt: 7,6 Millionen Euro beträgt die Finanzierungslücke im Jahresabschluss 2017, die Stadt Kassel und Land Hessen stopfen müssen. Bislang standen immer 5,4 Millionen Euro im Raum, für die die Gesellschafter eine Bürgschaft übernommen hatten.

Christian Geselle verharmlost dieses Desaster, wenn er einen Vergleich aus der Seefahrt bemüht: Das Schiff documenta nehme „nach einer kurzen Phase zwischen rauer See und Flaute“, wie sie eben vorkomme, wieder an Fahrt auf, wurde der Oberbürgermeister zitiert. Tatsächlich wäre das documenta-Boot untergegangen, wenn es nicht nach seiner Havarie auf hoher See, inmitten der Ausstellung, in den sicheren Hafen der Gesellschafter geschleppt worden wäre. Einen Fall von „Mann über Bord“ muss man auch konstatieren: Annette Kulenkampffs Vertrag ist frühzeitig aufgelöst worden, nachdem die d14 ihren 34-Millionen-Etat so maßlos überzogen hatte. Zum 1. Juni hat die Geschäftsführerin ihren Platz auf der Brücke verlassen.

Mit Recht meldet der Aufsichtsrat voller Stolz, dass das documenta-Schiff Kurs nehmen kann auf die 15. Ausgabe der Weltkunstschau 2022. Interimsgeschäftsführer Wolfgang Orthmayr und die neue Generaldirektorin Dr. Sabine Schormann haben bei Controlling und Kommunikation an wichtigen Stellschrauben gedreht. Vor allem hat die Findungskommission ihre Arbeit aufgenommen, zehn Kandidaten für die künstlerische Leitung, mehr als bei früheren Auswahlverfahren, brüten über einem ersten Konzept.

Der Blick nach vorn ist das eine. Damit kann aber die öffentliche Aufarbeitung der Vorgänger-documenta nicht abgeschlossen sein. Wo sind diese 7,6 Mio. Euro geblieben? In dunkle Kanäle geflossen sind sie nicht, das hat die Kasseler Staatsanwaltschaft festgestellt, indem sie Ermittlungen gegen Kulenkampff und d14-Kurator Adam Szymczyk eingestellt hat, und sämtliche entsprechende Unterstellungen sind ungerecht. Trotzdem bleibt die Frage: Wofür ist das Geld ausgegeben worden?

Unangenehmen Fragen muss sich gerade der Aufsichtsrat, damals unter Vorsitz von OB Bertram Hilgen, stellen (Geselle gehörte ihm noch nicht an). Was ist schiefgelaufen? Warum hat niemand gewarnt, dass eine doppelte documenta in Athen und Kassel zum Preis einer einzigen Ausstellung nicht zu haben sein würde? Warum hat niemand eingegriffen, als die Kosten aus dem Ruder liefen? Was ist sonst der Sinn eines solchen Aufsichtsrats?

Dabei geht es nicht um die Bewertung des Konzepts von Adam Szymczyk (obwohl das Motto seiner documenta, „Von Athen lernen“, im Hinblick auf die Finanzen einen unangenehm zynischen Beigeschmack bekommen hat). Infrage steht auch nicht, dass die Ausstellung künftig keine Risiken eingehen dürfte. Eine documenta ohne Aufreger wäre keine documenta. Aber es geht darum, aus dem kollektiven Versagen zu lernen. Das heißt auch, die documenta vernünftig auszustatten – die mit diesem Budget dann auskommen muss. In der Presseerklärung ist von einer „angemessenen Erhöhung“ des Etats die Rede. Das möchte man gern genauer wissen.

„Wir wollen offen und freundlich sein“, hat Sabine Schormann in Aussicht gestellt. Diese Offenheit muss unbedingt auch für die Transparenz in finanziellen Belangen gelten.

Von Mark-Christian von Busse

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