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Streit um documenta-Kuratoren: Ruangrupa werden als Nazis beschimpft

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Von: Matthias Lohr

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Neue Gastprofessoren: Die beiden Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina (links) und Iswanto Hartono vor ihrer Vorstellung an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK).
Neue Gastprofessoren: Die beiden Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina (links) und Iswanto Hartono vor ihrer Vorstellung an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK). © Georg Wendt

Zwei Mitglieder des Kollektivs Ruangrupa sind Gastprofessoren in Hamburg. Es gibt viel Protest gegen die documenta-Macher. Doch nicht nur Antisemitismus-Experte Mendel unterstützt das Duo.

Hamburg/Kassel – Schon im Vorfeld hatte es Proteste gegeben gegen die Gastprofessur der beiden Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina und Iswanto Hartono an der Hochschule für bildende Künste (HFBK) in Hamburg. Am Mittwochabend wurde er dann so laut, dass die Semestereröffnung mit den beiden Kuratoren der documenta fifteen abgebrochen werden musste.

Nur etwa 10 von mehr als 300 Zuhörern skandierten Sätze wie „Antisemitismus ist keine Meinung“ und „Schmeißen Sie die Nazis raus“. Auch HFBK-Präsident Martin Köttering konnte den Abbruch nicht verhindern. Er versicherte: „Diese beiden Kuratoren sind keine Antisemiten.“ Nachdem er die Protestler ans Mikrofon gelassen hatte, konnte ein weiterer neuer Lehrender nicht mehr vorgestellt werden.

Die Geschehnisse in Hamburg bereiten Miki Lazar von der Jüdischen Gemeinde in Kassel Sorgen. Der 65-Jährige ist mit Afisina und Hartono befreundet, hat deren indonesisches Kollektiv Ruangrupa gegen Ende der Kunstschau aber auch deutlich für ihre Haltung in der Antisemitismus-Debatte kritisiert. Nun verteidigt er das Duo: „Die beiden sind keine Antisemiten.“ Die Reaktionen auf ihre Ernennung findet er wie die israelische HFBK-Gastprofessorin Gilly Karjevsky „hysterisch“.

Zuvor hatte etwa die Jüdische Gemeinde Hamburg in einem Statement erklärt, „zwei Gastprofessuren an Antisemiten zu vergeben, ist eine Schande für unsere Heimatstadt Hamburg“. Auch Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) hatte Kritik an der Ernennung der Kuratoren geübt.

Afisina und Hartono wird nicht nur vorgeworfen, Antisemitismus auf der documenta ausgestellt und toleriert zu haben. Ihnen wird auch Unterstützung der Israel-Boykottbewegung BDS vorgeworfen. In einem Radio-Interview sagte Hartono nun: „Wir verurteilen jede Form von Diskriminierung und Rassismus, genauso wie Tötungen und Gewalt.“

Lazar verurteilt den BDS-Boykott seines Heimatlandes, er sagt aber auch: „Diese Reaktionen sind ein Boykott in die andere Richtung.“ Der Umgang mit Afisina und Hartono sei eine „Pauschalverurteilung“. Meron Mendel von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank findet „es verheerend, wenn so eine Art von Berufsverbot ausgesprochen wird“. Die Gastprofessur findet er hervorragend, denn: „Vielleicht ist das die Chance, einen produktiven Dialog zu starten.“

Auch Lazar hofft darauf, „dass jetzt die Diskussion öffentlich geführt wird, die Ruangrupa bislang nur hinter den Kulissen zugelassen haben.“ Es könne nicht sein, dass man nicht mal bereit sei, die Meinungen von Afisina und Hartono anzuhören.

Den Lehrplan haben die beiden Indonesier, die sich im Winterhalbjahr weiterhin auch eine Gastprofessur an der Kasseler Kunsthochschule teilen, mit Nora Sternfeld entwickelt. Die ehemalige Kasseler documenta-Professorin lehrt an der HFBK Kunstpädagogik und sagte in einem Interview, dass man gemeinsam die „Antisemitismustoleranz“ im Kunstbetrieb abbauen wolle. Auch bei BDS sieht sie Gesprächsbedarf. Sie wolle fragen, was es bedeute, „Leute zu boykottieren, weil sie mit einem Staat in Verbindung stehen. Und warum das in diesem Fall eben sehr viel öfter gemacht wird als im Fall von allen anderen Staaten.“

Wie schon in Kassel wollen Afisina und Hartono auch mit der Jüdischen Gemeinde in Hamburg reden. Lächelnd sagte Hartono in einem Vorabinterview: „Wir sind hier, um zu reden. Ansonsten wären wir nicht hier.“ (Matthias Lohr)

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