Nass bis auf die Knochen - 22 Stunden Campen vor dem Fridericianum

+

Kassel. Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev findet die Camper auf dem Friedrichsplatz „cool“ - aber wie ist es wirklich, 24 Stunden vor dem Fridericianum zu verbringen?

Das wollten die HNA-Volontäre Sebastian Lammel und Kathrin Meyer herausfinden. Seit Freitag, 17 Uhr, campen auch sie auf der Flaniermeile der documenta-Besucher. Sie hielten 22 Stunden in teils strömendem Regen durch.

22 Stunden vor dem Fridericianum

Liveticker

15.00 Uhr: Die anderen haben sich in ihren Zelten verkrochen und warten auf besseres Wetter. Die Passanten eilen am Camp vorbei und sind froh, ein trockenes Plätzchen zu finden. Wir bauen unser Zelt ab und flüchten uns auch ins Trockene.

14.40 Uhr: Die Occupy-Aktivisten nutzen die Zeit im strömenden Kasseler Regen, um die Aktionen der nächsten Tage zu planen. Ein Drucker muss her, für viele hundert Flyer. Die meisten sind nass bis auf die Knochen. "Trocknet doch wieder, wenn die Sonne rauskommt."

13.50 Uhr: Daniel und Gabriel sind noch vom Occupy-Camp in Frankfurt abgehärtet. Sie meditieren auf einer Isomatte im Regen zu klassischer Musik.

13.20 Uhr: Weil unsere Kleidung dem Regen nicht mehr standhält, sind wir auf Müllsäcke umgestiegen. Nicht schön, aber funktional. Camper Daniel nutzt den Regen für eine Nassrasur. Die Dokumenta-Besucher warten geduldig im Regen vor dem Fredericianum.

11.25 Uhr: Im Camp ist es triefend nass, die Bewohner haben sich in ihre Zelte oder trockene Gebäude verkrümelt. Mögliche Aktionen fallen damit auch vorerst ins Wasser. Nach einer kurzen Stärkung harren wir weiter im Zelt aus. Immerhin gibt es Musik, seit gestern stiftet die documenta dem Camp Strom.

10.10 Uhr: Die Schlange vor dem Fridericianum reicht schon bis an das Camp, obwohl es inzwischen wieder regnet. Ein Kamerateam filmt uns und die Bewohner beim Frühstück. Es gibt Kaffee vom Gaskocher. Campbewohner Christoph Reith rasiert sich, als Spiegel dient ihm ein Symbol der Deutschen Bank. Ein Geschenk von der Hauptversammlung, auf der Josef Ackermann verabschiedet wurde.

9.00 Uhr: Das Camp erwacht. Einige haben spät nachts beobachtet, wie eine Gruppe Fremder in einiger Entfernung Rauchböller gezündet hat, ansonsten war die Nacht der Bewohner ruhig.

8.30 Uhr: Der Regen hat aufgehört. Vereinzelt überqueren veschlafene Personen den Friedrichsplatz, um Kaffee und Brötchen beim Bäcker zu kaufen.  

7.05 Uhr: Die Campbewohner schlafen noch. Unser Zelt ist klamm vom vielen Regen, deshalb ziehen wir uns unter das Dach des Fridericianums zurück. Die Mitarbeiter des Catering-Service sind schon fleißig am Aufbauen.

23.10 Uhr: Das war's von uns für heute. Wir haben interessante Menschen kennengelernt und spannende Geschichten aus dem Frankfurter Occupy Camp gehört. Morgen früh geht's weiter.

22.45 Uhr:Immer wieder fragen documenta-Besucher nach dem Sinn des Camps und ob es zur Kunstausstellung gehört. Die Bewohner geben freundlich und bereitwillig Auskunft - ihre Hauptziele sind Aufklärung und Information. Einige Kasseler Jugendliche haben sich dazugesellt. "Wir haben euch gesehen und hatten das Bedürfnis dabei zu sein" - sie werden herzlich aufgenommen.

21.40 Uhr: Eine Gruppe von sechs spanischen Kunststudenten hat kein Hotel gefunden und sich spontan zur Gruppe gesellt. Sie schlagen ihre Zelte auf und haben Knabberzeug mitgebracht.

21.00 Uhr: Zahlreiche Theaterbesucher strömen nach einer Vorstellung auf den Friedrichsplatz. Viele bleiben am Camp stehen, lesen die Plakate und fotografieren die Bewohner. Starker Kontrast zwischen der gehobenen Abendgarderobe vor den Plakaten und der Isomatte-Runde dahinter.

20.05 Uhr: Eine ältere Dame mit Trolli fragt nach Pfandflaschen. "Wir haben alles, nur kein Geld", lautet die Antwort - die Camper sind selbst auf das Pfand angewiesen.

19.25 Uhr: Viele Bewohner waren schon bei den Occupy-Aktionen in Frankfurt dabei. Moritz, ein 28-jähriger Gas-Wasser-Installateur aus dem Taunus, hat sich gerade einen günstigen Fotoapparat besorgt, um die documenta festzuhalten. Er hat sieben Monate in im Occupy-Camp verbracht.

18:15 Uhr: Rund um das Camp stehen viele Besucher, machen Fotos, zeigen mit dem Finger auf uns. Wir haben uns aber schnell an das "Zoo-Gefühl" gewöhnt.

17.45 Uhr: Schnell stellen wir fest: Unsere grellgrüne Unterkunft ist ein Insektenmagnet. Vermutlich waren deshalb beim Kauf keine anderen Zeltfarben mehr zur Auswahl. Der Regen hat aufgehört. Wir sitzen in lockerer Runde zusammen.Es gibt frisch gebrühten Kaffee. Der Pappbecher ist nicht mehr ganz so frisch.

17.05 Uhr: "Na klar, jeder ist willkommen" - so begrüßt uns ein Camper. Auch für zwei Journalisten noch Platz. Unser Wurfzelt ist schnell aufgebaut. Eine Musikgruppe aus Ghana trommelt für die Occupy-Bewegung. Zum Abschied gibt's zwei CDs der Truppe.

Was die beiden erleben im Gespräch mit Campern, Künstlern und Besuchern lesen Sie hier im Laufe des Wochenendes sowie in unserer Montagsausgabe. 

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.