Wie Carolyn Christov-Bakargiev die Schau vorbereitet

Auf der Suche nach der DNA: Heute in einem Jahr beginnt die documenta 13

Ort der Begegnung: Die Präsentation des Kunstwerks von Giuseppe Penone vor einem Jahr in der Karlsaue. Archivfoto:  Herzog

Kassel. „Am meisten beschäftigt mich, wie man ein bedeutungsvolles Kulturprojekt ohne ein Konzept auf die Beine stellt“, hat Carolyn Christov-Bakargiev kürzlich in der Kunstzeitschrift „Frieze d/e“ gesagt. Konzepte überschatteten die Kultur.

Ohne Konzept könne aber alles nur in einer sehr guten Kunstmesse enden.

Wie das Konzept der documenta 13 aussehen wird, die in einem Jahr, am 9. Juni 2012, in Kassel eröffnet wird? Die künstlerische Leiterin liebt es, das Publikum an ihrem Nachdenken, ihren Entdeckungen auf dem Weg dorthin teilhaben zu lassen (etwa in der Publikationsreihe „100 Notizen - 100 Gedanken“ im Hatje Cantz Verlag), aber doch alles in der Schwebe, im Vagen zu lassen, lediglich Fährten auszulegen. Das beginnt auf der Startseite der documenta-Webseite, wo einen „Tatsachen und Gerüchte“ gleichermaßen begrüßen.

C. Christov-Bakargiev

Auch die 53-jährige US-Amerikanerin italienisch-bulgarischer Herkunft betreibt das documenta-übliche Spiel der nur stück- und teilweisen Offenlegung von Geheimnissen. Welche Standorte die Weltkunstausstellung haben wird, außer Fridericianum, Neuer Galerie, documenta-Halle und Karls-aue, bleibt im Unklaren, dafür umfasst eine Künstlerliste auf der Webseite neben den „100 Notizen“-Autoren Künstler, die sie schon vorgestellt hat - Giuseppe Penones Bronze-Baum in der Karlsaue, Pierre Huyghes Film und die von Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg im Frankfurter Portikus aus Argentinien und den USA wiedervereinigten Hälften des Meteoriten „El Taco“. Ein geglücktes Beispiel dafür, wie die Verbindung von Wissenschaft, Historie und Kunst bei der documenta 13 aussehen könnte.

Denn dafür, dass Christov-Bakargiev mit dem Verzicht auf ein Konzept liebäugelt, fährt sie schweres theoretisches Geschütz auf - mitsamt Literaturliste, die sie an Journalisten verteilt hat. Die Konstruktion des Wissens und die Rolle der Kunst, Quantenmechanik, Mikrobiologie, Zoologie will sie thematisieren, Fachleute solcher Disziplinen hat sie zu „Beratern“ gemacht. „Agenten“ unterstützen sie: „Das Wort ,Kuratoren’ wird 2014 nicht mehr verwendet“, sagte sie bei der Laurie-Anderson-Tagung in der Evangelischen Akademie Hofgeismar.

Fest steht, dass „CCB“, wie die 53-Jährige in ihrem Team nur genannt wird, die documenta an deren eigene Geschichte rückbindet, in ihren Ursprüngen verortet. Sie will die „DNA“ der documenta bestimmen. Ihre Vorträge beginnt sie mit Fotos des im Krieg zerbombten Fridericianums, die sie neben aktuelle Zerstörungen aus Kabul stellt. Die documenta sei nicht aus einer Handelsmesse, aus Weltausstellungen entstanden, sondern aus Kriegstraumata: Kunst als Mittel der Heilung von Wunden, der Rekonstruktion und Überwindung von Zerstörung, als gemeinsame Sprache der Ideale und der Hoffnung.

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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