Aufregung um Athen als Schauplatz

Szymczyk über seine documenta-Pläne: "Kassel ist das Kronjuwel"

Im Gespräch: Adam Szymczyk. Foto: Fischer

Kassel. Der zweite documenta-Schauplatz Athen schlägt hohe Wellen. Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta, ist allerdings nicht überrascht von der Aufregung. Im HNA-Interview erklärte er am Donnerstag seine Pläne.

Überrascht Sie die Aufregung? 

Adam Szymczyk: Nein. Sie zeigt, wie sehr Kassel die documenta liebt. Wie ich übrigens auch.

Die Befürchtung ist: Sie wollen Kassel die documenta wegnehmen. Wie können Sie die Gemüter beruhigen? 

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Szymczyk: Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich kann nur sagen, dass Kassel Hauptstandort der documenta bleibt. Ich habe nicht die Absicht, sie „wegzunehmen“ und nach Athen umziehen zu lassen. Ich spreche von einer Ausdehnung auf einen zweiten Schauplatz. Diese Erweiterung beruht auf der Tradition der documenta und denkt diese weiter, um einer kuratorischen und künstlerischen Dringlichkeit gerecht zu werden und sie mit Themen zu verbinden, die ich als wichtig empfinde: Das ist die schlechte ökonomische Situation an vielen Orten der Welt, von denen Griechenland einer ist. Es geht nicht darum, die Probleme in Griechenland mithilfe der Kunst zu lösen. Das zu können, wäre eine kindische Annahme.

Sondern? 

Szymczyk: Es geht darum, die sehr positive Erfahrung der Kunst zu teilen. Wir können in beide Richtungen lernen, um die Dinge in einer globaleren Perspektive zu sehen, in der der Süden und der Norden zwei verschiedene Arten des Lebens repräsentieren, und nicht nur eine brutale ökonomische Ungleichheit verkörpern. Ein weiteres Thema ist, sich physisch aus einer gewissen Sicherheit heraus zu begeben, das Wagnis einer Reise auf sich zu nehmen, um vielleicht ein bisschen besser zu verstehen, was woanders passiert. Da sprechen wir auch über Metaphern. Wir wollen natürlich eine starke und attraktive Ausstellung in Kassel machen, eine Ausstellung, die Vergleichen mit anderen standhält. Wir wollen auch mit Kasseler Institutionen zusammenarbeiten, nicht nur mit Museen und der Universität, sondern auch Graswurzel-Initiativen. Da wird es eine ganze Vielfalt geben. Wir machen keine Ausstellung, die eine globale Perspektive hat, aber sich nicht mit Anliegen vor Ort beschäftigt. Diese beiden Pole sind dadurch symbolisiert, dass wir hierbleiben, aber zu einer Reise aufbrechen. Gleichzeitig.

Was bedeutet „gleichberechtigte“ Standorte genau? Der Etat ist ja sehr unterschiedlich gewichtet. 

Szymczyk: Was ich mit gleichberechtigt meine: Wenn ich Menschen anderswo ernstnehme, kann ich sie nicht wie einen Satelliten behandeln. Sie leben ja nicht auf dem Mond, sondern an realen Orten. Die Äußerung „Das Leben ist anderswo“ bezieht sich nicht speziell auf Kassel, sondern auf Bedingungen des Menschseins: Es gibt immer Leben anderswo. Ob wir in Kassel, Athen oder New York sind: Das ist nie eine absolute, einzigartige Perspektive. Es gibt immer Leben woanders, problematisch, konfliktreich, dramatisch und auch schön.

Dieser Satz „Das Leben ist anderswo“ hat sicher viele verletzt.  

Szymczyk: Deshalb versuche ich das zu erklären. Er bezieht sich auch auf den Titel eines Buchs von Milan Kundera, „Das Leben ist woanders“, ein tschechischer Autor, der Nobelpreiskandidat war. Bei ihm geht es um das geistige Exil osteuropäischer Intellektueller unter dem Kommunismus. Das hat auch zu tun mit einem grundsätzlich melancholischen Gefühl der Wurzellosigkeit, davon zu träumen, dass das eigentliche Leben anderswo ist. Oder dass das Leben mit einem selbst nichts zu tun hat. Ich will nicht sagen, dass Kassel eine leblose Stadt ist. Ganz im Gegenteil. Ich will die Stadt, ihre Institutionen und ihre Menschen wirklich beteiligen und einbinden. Die Bekanntgabe gerade in der Kunsthochschule sollte dieses Zeichen setzen. Wir haben eben nicht die documenta-Halle genutzt, sondern physisch und symbolisch einen Ort der Reflexion, Forschung und Diskussion.

Viele Kasseler sehen eine Gefahr darin, dass internationale Besucher im April 2017 nach Athen fliegen und gar nicht mehr nach Kassel kommen. Teilen Sie diese Sorge? 

Szymczyk: Überhaupt nicht. Die Kunstwelt ist hochflexibel. Und wir haben ja den Termin der Eröffnung in Kassel nicht geändert. Die documenta bleibt wie ein Fels in Kassel. Athen wird eine interessante Option sein, aber die Menschen werden schon deshalb kommen, weil die documenta 2017 ein Teil der sogenannten „Grand Tour“ mit der Venedig Biennale, den Skulptur Projekte Münster und der Messe Art Basel ist. documenta wird das Kronjuwel in dieser Reise bleiben.

Sie haben Ihre Pläne sehr früh öffentlich gemacht und wollen die Menschen daran teilhaben lassen. Nach der Erfahrung jetzt - werden sie künftig geheimnisvoller agieren? 

Szymczyk: Ich mag es nicht, die Öffentlichkeit in einer patronisierenden Art und Weise zu behandeln und deswegen werde ich mich immer offen damit auseinandersetzen, was für die documenta nötig ist. Deshalb spreche ich jetzt auch mit Ihnen. Der Dialog mit der Öffentlichkeit ist für mich natürlicher, als große Geheimnisse zu verstecken.

Ist die aktuelle Diskussion gerade wichtig, um sich über die Aufgabe der documenta zu verständigen? 

Szymczyk: Ja, absolut. Davon bin ich fest überzeugt. Kassel liebt die documenta - das ist klar. Aber wenn man tiefer gräbt, gibt es da sehr viele Nuancen. Daher kommt die Angst. Alles, was neu ist, macht Angst. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Arnold Bode hat das berühmte Motto ausgegeben: „Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen.“

Bisher hat die Kunstwelt immer gefragt: Warum Kassel? Jetzt fragen sich alle Kasseler: Warum Athen? Können Sie das kurz zusammenfassen? 

Szymczyk: Athen ist für Westeuropa wie ein Traum und ein Alptraum. Es gilt als Wiege der Zivilisation und Demokratie, Stätte und Modell der Klassik. Heute ist die Situation manifest anders: Athen, Sinnbild einer anhaltenden Krise. Die Krise ist jetzt vielleicht nicht mehr in ihrer akutesten Phase, weil die Menschen lernen, mit ihr zu leben, weil sie Ressourcen mobilisieren und Einfallsreichtum entwickeln. Die documenta kann eine Anregung geben im Sinne des Teilens, der Solidarität und des Zutrauens. Das mag naiv klingen, aber ich möchte eine Ausstellung machen, die den Glauben daran unter Beweis stellt.

Zur Person

Adam Szymczyk wurde 1970 in Piotrków Trybunalski (Zentralpolen) geboren. Er wuchs in Lódz auf, studierte Kunstgeschichte in Warschau und war dort ab 1997 in der Foksal Gallery Foundation engagiert. 2003 übernahm er die Direktion der Kunsthalle Basel. 2008 war er Co-Kurator der 5. Berlin Biennale. 2011 bekam er den mit 15 000 Dollar dotierten Walter Hopps Kuratoren-Preis in Houston. Szymczyks Partnerin ist eine Schweizer Choreografin, die beiden haben einen vierjährigen Sohn. 

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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