Tante Emma und der nette Präsident

Der Tag, an dem die documenta eröffnet wurde: Beobachtungen aus Kassel

Beliebt, volksnah, sympathisch: Frank-Walter Steinmeier ging zu den Menschen an den Absperrungen, um ihnen die Hand zu schütteln. Foto:  Fischer

Kassel. Was passiert an einem Tag in Kassel, an dem die documenta 14 beginnt? Beobachtungen von morgens bis abends.

Morgens

Der Weg zur documenta führt über Bahnsteig 9. Zumindest steht das auf großen Aufklebern am Fußboden des Bahnhofs Wilhelmshöhe. Hier treffen die ein, die aus der weiten Welt kommen und die Kunst in Kassel sehen wollen. Sie können mit der Regiotram vom Bahngleis 9 in die Stadt fahren – oder mit dem Taxi. Dort, wo normalerweise Dutzende Taxis stehen, sind diesmal nur wenige Wagen zu sehen. Ob es ein Großkampftag wird? Taxifahrer Manfred Heinelt bleibt gelassen: „Gestern und vorgestern, als die Journalisten in Kassel angekommen sind, war noch mehr los.“

Alles zur documenta in unserem Spezial

*

Vor dem Fridericianum in der Innenstadt positionieren sich immer mehr Menschen hinter den Absperrungen: Alle wollen den Bundespräsidenten sehen, der gleich die documenta eröffnet. Unter ihnen: Johannes Guthardt (19) aus Kassel, Finn Bodner (20) und Alexander Staniczek (21) aus Wolfsburg. Sie haben an einem Projekt zum Parthenon mitgewirkt und hoffen nun auf ein Foto mit Steinmeier. Es sind viele Interessierte hier, aber auffällig ist auch, wie viele Polizisten die Veranstaltung absichern.

*

Kunst ist pünktlich. Exakt um 10 Uhr öffnet das Presse- und Informationszentrum gegenüber dem Fridericianum. Zuvor warten die Journalisten in einem Gang vor dem ehemaligen Leder Meid auf Einlass, ein Eisengitter trennt sie von der Straße. Das sei ja wie im Gefängnis, scherzt eine Frau jenseits des Eisengitters. Sie ist auffällig bunt gekleidet, blondes Haar, womöglich ist es, ach ja, tatsächlich: Es ist Marta Minujin, die Künstlerin aus Argentinien, die Kassel den Parthenon gebracht hat.

*

Die documenta ist jetzt seit 20 Minuten eröffnet. An den Ticketschaltern gegenüber der Königsgalerie haben sich längst lange Schlangen gebildet. Von zehn Kassen sind sechs besetzt. „Gibt es hier documenta-Tickets?“, fragt eine Frau auf Englisch. Zwei Männer unterhalten sich über den Auftritt von Frank-Walter Steinmeier soeben vor dem Fridericianum. Der eine sagt, der Bundespräsident sei zu warm angezogen. Blauer Himmel, die Sonne gewinnt an Kraft. Schöner könnte das Wetter nicht sein.                         

*

Der Verkehr auf dem Steinweg wird gestoppt – die Staatsoberhäupter und ihr Gefolge müssen die Straße überqueren. Die Autos der Ottonormalbürger stehen nun hinter einem Polizeiwagen. Ein Polizist sagt, das würde nun fünf Minuten dauern. Er schlägt den Autofahrern scherzhaft vor, kurz ein Eis essen zu gehen. Ansonsten gibt der Beamte noch einen Tipp für gleich, wenn es wieder weitergeht: Bloß nicht Richtung Tiefgarage fahren. „Sonst gucken Sie in solche Kanonenrohre.“

*

Egal, wo Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auftaucht, applaudieren ihm die Schaulustigen. Das Staatsoberhaupt scheint unheimlich viele Anhänger in Kassel zu haben. Ein Polizist sagt, dass er sehr beeindruckt von Steinmeier sei. Der geht trotz der hohen Sicherheitsvorkehrungen an den Zaun, um den Menschen die Hände zu schütteln. Sehr sympathisch.

*

Wo könnte es in diesen documenta-verrückten Zeiten an einem Samstagvormittag normaler zugehen als in einem Friseursalon? An der Wand hängt schließlich meist das Werbemodel von Wella und kein Druck von Dali. Beim Friseur in der Frankfurter Straße drehen sich die Gespräche um Erziehungsprobleme. Was tun, wenn sich Oma und Opa einmischen. Themawechsel: Kurzurlaub in Istanbul. Aber dann kommt‘s: Die junge Friseurin, kaum hat sie die Schere in der Hand, fragt: „Na, schon auf der documenta gewesen?“ Sie schildert zügig ihre Erfahrungen: Der Parthenon auf dem Friedrichsplatz sei ja wohl ein Höhepunkt, die verhüllte Torwache wirke ein bisschen unheimlich, und bei der letzten documenta habe ihr ein Tanztheater super gefallen. Ansonsten halte sie es eher mit den Klassikern: „Sowas, wie im Schloss hängt.“

Mittags

documenta-Kunst und Graffiti: Im Nordstadtpark trifft alles zusammen.

In der Nordstadt geht das normale Leben weiter. documenta? Nur ein Plakat an der Holländischen Straße weist auf das Großereignis hin. Die Kunst vor Ort wird noch kaum wahrgenommen. Im Nordstadtpark steht mit der lebenden Pyramide documenta-Kunst, aber der gegenüberliegende Spielplatz hat mehr Besucher als die Pyramide Betrachter. Das Haus auf der anderen Seite ist mit Graffiti versehen, davor trimmt ein Arbeiter den Rasen. Eine Familie begutachtet jetzt die Pyramide. Der Mann mit schwäbischem Akzent, Hut und Weste sagt: „Das sieht aus wie Tante Emmas Blumenlädchen.“ Kurze Pause: „Why not!?“.

*

Weiter Hochbetrieb im Presse- und Informationszentrum am Friedrichsplatz. Ein Journalist eines bekannten deutschen Wochenmagazins will sich akkreditieren – und zwar für drei Tage. Als ihm die Mitarbeiterin mitteilt, dass nur eine Akkreditierung für zwei Tage möglich sei, wird der Mann sehr direkt: „Junge Frau, tun Sie mir den Gefallen und machen Sie drei Tage draus. Ich möchte meine Zeit mit der Kunst verbringen und nicht mit Anstehen.“ Nicht nur die Dame hinter dem Bildschirm rollt mit den Augen.

*

Athen ist nicht weit weg vom Parthenon auf dem Friedrichsplatz. Gegenüber vom Rathaus sitzen die Menschen vor dem Restaurant „Athen“. Mitarbeiter Viktor Papadopoulos sagt: „Die documenta ist Thema. Es kommen viele Kunstexperten zu uns.“ Und was essen sie? „Beliebt sind Lammkoteletts und Roast Beef.“

*

Im Innenhof des neuen Hotels und Restaurants Renthof gibt es einen Empfang für den Bundespräsidenten – anschließendes Mittagessen für die 140 geladenen Gäste in der benachbarten Brüderkirche inklusive. Seit der Sanierung des Renthofs ist sie direkt mit dem Hotel verbunden. Das Team vom Grischäfer bereitet für das Staatsoberhaupt und die übrige Prominenz nordhessische Leckereien zu: geräucherte Forellenfilets aus Fritzlar, Kalbsfilet mit nordhessischer Grüner Soße und Schmandmus mit Erdbeeren aus Calden. 

Nachmittags

Angekommen: Vincent Keller (links) und Leon Groß sind mit dem Fahrrad von Athen nach Kassel gefahren. Foto:  Koch

Zwei Freunde, zwei Fahrräder, ein Abenteuer: Die Kasseler Vincent Keller (20) und Leon Groß (19) sind mit ihrem Rad von Athen nach Kassel gefahren. Zum Start der d14 in Griechenland am 8. April sind sie in Athen gestartet und am Samstag, nach 63 Tagen, pünktlich zur documenta-Eröffnung angekommen. Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen nimmt die jungen Männer auf dem Friedrichsplatz in Empfang und gratuliert ihnen zu der sportlichen Leistung. Sie spenden prompt noch ein Buch für den Parthenon: „Das Tagebuch der Anne Frank“.

*

Vor den Eiswagen an der Gustav-Mahler-Treppe haben sich lange Schlangen gebildet. Es gibt Vanille, Schoko – klar. Aber es wird auch documenta-Eis angeboten. Ein Kunde vermutet, die Kugel sei abstrakt. Nun ja: Es schmeckt künstlich.

*

Auf dem Friedrichsplatz unterhalten sich zwei Frauen über den Parthenon. Die eine äußert ihre Enttäuschung über den Standort. Sie hätte sich das Kunstwerk in der Aue gewünscht. Ihr Fazit: „Es ist halt, wie es ist.“

*

Sylvana Pawelzik aus Kassel ist Fan der documenta. Die Ausstellung vor fünf Jahren habe sie jeden Tag besucht, sagt die Entspannungstherapeutin. Allerdings stört sie sich an dem Kommerz, der mittlerweile auch bei der documenta Einzug gehalten habe. Pawelzik schaut sich in dem Container um, in dem d 14-Produkte angeboten werden. Dass ein weißer Rucksack aber 99 Euro kostet, darüber regt sie sich auf. „Das können sich viele Menschen nicht leisten.“ Pawelzik kauft sich einen kleinen documenta-Hocker für 19 Euro und setzt sich an den Friedrichsplatz. Dort will sie über die Kunst mit Menschen ins Gespräch kommen. 

Abends

Party am Abend und bis in die frühen Morgenstunden: Am Gleis 1 wird gefeiert. Foto: Schachtschneider

Ein kurzer Besuch im Biergarten an der Grimmwelt. Der Blick auf die Südstadt, das schöne Wetter, der Wein – ein Traum.

*

In der Nacht wird der Kulturbahnhof zur documenta-Partyzone. Tausende feiern am Gleis 1, im Südflügel und vor dem Querbahnsteig ein rauschendes Fest bis zum Morgengrauen. Die documenta läuft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.