Fragen und Antworten zum Kasseler Auftakt

In 100 Tagen startet die documenta 14 in Kassel

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Einer der documenta-Standorte: die alte Hauptpost.

Kassel. Heute in 100 Tagen, am Samstag, 10. Juni, beginnt in Kassel die 14. Ausgabe der documenta - und dann in wiederum 100 Tagen ist die bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst auch schon wieder vorüber.

Aktualisiert am 14. März 2017 um 15.37 Uhr -  Tatsächlich losgehen wird es jedoch am Samstag, 8. April, in Athen. Dann sollen zwölf Reiter vom Fuß der Akropolis mit ihren Pferden über die Marmor-Fußwege der Altstadt zum Parlament traben. Zum ersten Mal wird die documenta einen gleichberechtigten zweiten Standort außerhalb Kassels haben.

Warum nochmal zieht die documenta 2017 nach Athen?

Weil sie die Perspektive wechseln, nach über sechs Jahrzehnten als Gastgeber die Rolle eines Gastes einnehmen soll. Athen, Wiege der Zivilisation und Demokratie, gilt vielen heute als Sinnbild einer anhaltenden Krise in einer Gesellschaft, die am Abgrund steht - die Zerrüttung der Wirtschaft im Süden Europas sowie die Probleme durch Flüchtlingsströme manifestieren sich hier besonders stark. Insofern ist die Entscheidung für Athen „ein politischer Akt“, sagt Leiter Adam Szymczyk. Er will seiner documenta 2017 „eine bescheidende Position des Lernens“ abverlangen: um von jenen zu lernen, die „von den Medien und der Politik üblicherweise belehrt werden“.

Der Arbeitstitel lautet „Von Athen lernen“. Was lernt die documenta von Athen?

So ironisch es klingt: Im Moment erfährt das Team offenbar vor allem, wie reibungslos und fadengerade die Dinge in Kassel laufen - verglichen mit der griechischen Hauptstadt. Geschäftsführerin Annette Kulenkampff berichtete gerade im städtischen Kulturausschuss, wie kompliziert es war, in Athen auch nur ein Konto zu eröffnen. Juliane Gallo, die im Kasseler documenta-Team die Kontakte in Schulen hält, erzählt von „unglaublicher Bürokratie“. Dass Schulen eigenständig entscheiden, an Programmen wie dem Kulturagenten-Projekt der Mercator-Stiftung teilzunehmen, sei in Athen undenkbar. Dazu kommt: In Kassel ebnen alle Institutionen der documenta sämtliche Wege. In Athen wissen viele nicht, was diese ist, geschweige denn, warum man sie unterstützen soll.

Die meisten Künstler sind in Athen und Kassel tätig. Ist die Luft raus, wenn die documenta im April in Athen startet?

Mehr zur documenta gibt es bei Kassel Live

Da ist sicher etwas dran. Zur Eröffnung in Athen - wo neben Galerien und Museen vor allem auch der öffentliche Raum bespielt werden soll - erscheint im Prestel-Verlag der Katalog in Form eines „Tagebuchs“, das für die insgesamt 163 documenta-Tage je einen Künstler vorstellt. Die Zahl 160 Künstler nannte jetzt auch Kurator Dieter Roelstraete. Natürlich ist dann das Geheimnis um die Künstlerliste gelüftet. Andererseits: Was genau in Kassel präsentiert wird, ist auch danach noch offen.

Wo wird die documenta in Kassel stattfinden?

Ein wichtiger Schauplatz - neben den gesetzten Häusern Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie - ist die Nordstadt mit der Hauptpost und der Gottschalkhalle auf dem Uni-Gelände. Museen - Ottoneum, Grimmwelt, Museum für Sepulkralkultur, Stadtmuseum - werden documenta-Kunst beherbergen. Im Gespräch sind auch das Ballhaus auf der Wilhelmshöhe, das ehemalige Generalkommando sowie das Währungsmuseum Rothwesten, an dem Szymczyk großes Interesse hatte.

Wollte die documenta nicht den Gurlitt-Nachlass zeigen?

Ja, ursprünglich wollte Szymczyk den „Schwabinger Kunstfund“ in seiner Gesamtheit ausstellen. Stattdessen werden die Bundeskunsthalle Bonn und das Kunstmuseum Bern, das das Erbe von Cornelius Gurlitt, dem Sohn von Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt angetreten hat, im Herbst Ausstellungen zu dieser Sammlung zeigen. Die d14 wird sich in der Neuen Galerie trotzdem mit den Themen Raubkunst, deren Rückgabe (Restitution) und „kultureller Enteignung“ befassen.

Welche Themen wird die documenta 14 sonst haben?

Davon kann man sich anhand der documenta-Ausgaben des Athener Magazins „South As A State Of Mind“ ein Bild machen, von denen bislang drei erschienen sind. Sie stecken gewissermaßen das Feld ab, auf dem sich die documenta positioniert. Es geht um Flucht und Migration, Macht und Gewalt, Widerstand und Protest, Kolonialismus und Schulden, Indigenität, Identität und Sprache, Fremdheit und Zugehörigkeit, um „Zustände von Entortung und Enteignung“. In Athen, wo die documenta früh mit einem Veranstaltungsprogramm begonnen hat, kommen dezidiert linksradikale Positionen zu Wort.

Im griechischen Staatssender ERT gestaltet die d14 jeden Montag um Mitternacht ein TV-Programm. Und in Deutschland macht sie Radio?

Richtig, vorige Woche stellte Deutschlandradio Kultur ein Kooperationsprojekt vor, an dem weltweit acht Sender beteiligt sind. Aufgezeichnet wurde die Sendung, die in der Mediathek nachzuhören ist, im Silent Green, einem ehemaligen Krematorium im Wedding. Viel verrieten Szymczyk und Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung aber nicht. „Welt“-Kritikerin Swantje Karich schrieb von einer „Zuhörerdemütigung“: „viel selbstreferenzielles Theater und wenig Substanz“.

Wie tritt der künstlerische Leiter Adam Szymczyk sonst auf?

Selten und sehr zurückhaltend. Der 1970 in Piotrków Trybunalski geborene Pole ist in der Öffentlichkeit bislang weit weniger präsent als seine Vorgängerin Carolyn Christov-Bakargiev. Das Kuratoren-Team, das der frühere Leiter der Kunsthalle Basel zusammengestellt hat, tritt dafür stärker in Erscheinung, während „CCB“ auf eine „One-Woman-Show“ gesetzt hatte. 

Die Künstler der documenta 14

Das d14-Team geht nicht ganz so strikt mit der Bekanntgabe von Teilnehmern um, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war. Einige Namen – wie die Schweizer Malerin Miriam Cahn und der 2016 in Wiesbaden gestorbene Fluxus-Künstler Ben Patterson – werden offen kommuniziert. Nairy Baghramian und Hiwa K haben den Arnold-Bode-Preis erhalten, sicheres Indiz für ihre Teilnahme. Für den „Parthenon der Bücher“ der Argentinierin Marta Minujín, das mutmaßlich spektakulärste Werk der d14, wirbt das Team um die Beteiligung der Bevölkerung: Ein Nachbau des Tempels der Akropolis soll mit einst oder noch verbotenen Büchern verkleidet werden. Ben Russell hat im Kasseler Filmladen bereits Beispiele seines Schaffens präsentiert. Das chilenische Architektenkollektiv Ciudad Abierta wird in Kassel mit Studenten Projekte zur Architektur entwickeln. Auch die Faszination für die Lehmbau-Konstruktionen des Kasseler Professors Gernot Minke ist bekannt. Die Bibliothek des Gründers der Spaziergangswissenschaften und von dessen Frau, Lucius und Annemarie Burckhardt, wird eine wichtige Rolle auf der d14 spielen, Aquarelle des ehemaligen Kasseler Professors werden erstmals gezeigt. 

Klangkünstler Satch Hoyt wurde in einer documenta-Sondersendung im Deutschlandradio Kultur ebenso vorgestellt wie Emeka Ogboh („Kassel ist langweilig“) und Angela Melitopoulos. Für das griechische d14-TV-Programm drehte Wang Bing. Die „South“-Magazine und Beiträge auf der Webseite erlauben manche weitere Spekulation über beteiligte Künstler. Kunstkritiker Dirk Schwarze kommt in einer Übersicht auf seiner Webseite auf 62 Namen vom Filmkollektiv Abounaddara bis zu Andrzej Zulawski. Darunter sind frühere documenta-Teilnehmer wie Maria Eichhorn, Hans Haacke, Allan Sekula, Peter Friedl, Lois Weinberger, die verstorbene Inuit-Künstlerin Annie Pootoogook – und auch Szymczyks Partnerin, die Choreografin Alexandra Bachzetsis.

Eintrittskarten und Bücher

Tageskarte: 22/ermäßigt 15 Euro

Zweitageskarte: 38/27 Euro

Dauerkarte: 100/70 Euro

Abendkarte (gültig ab 17 Uhr): 10/7 Euro

Schulklassen: 6 Euro (pro Person)

Familienkarte: 50 Euro (bis zu zwei Erwachsene mit bis zu drei Kindern bis 16 Jahre).

Kinder (im Alter bis zu zehn Jahren): freier Eintritt.

Angekündigt sind (erstmals im Prestel-Verlag) ein Reader (Lesebuch) mit Aufsätzen, aber auch literarischen Texten (ca. 500 S., 25 Euro), und ein „Daybook“ (Tagebuch) als Katalog (400 S., 400 Abbildungen, 35 Euro).

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