1. Startseite
  2. Kultur
  3. documenta

Tamás Pélis Werk „Geburt“ erzählt Roma-Entstehungsmythos in gigantischem Ölgemälde

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Leonie Krzistetzko

Kommentare

Nicht zu übersehen: Das vierteilige Ölgemälde „Geburt“ vom ungarischen Künstler Tamás Péli füllt die ganze Wand im Ausstellungsraum des Fridericianums. Das Werk wird von der Bewegung OFF-Biennale Budapest gezeigt.
Nicht zu übersehen: Das vierteilige Ölgemälde „Geburt“ vom ungarischen Künstler Tamás Péli füllt die ganze Wand im Ausstellungsraum des Fridericianums. Das Werk wird von der Bewegung OFF-Biennale Budapest gezeigt. © Andreas Fischer.

Das Kunstwerk „Geburt“ von Tamas Péli ist eines der Werke, die auf der documenta fifteen gezeigt werden. Der Künstler möchte damit den Roma einen Schöpfungsmythos geben. Ein Blick hinter das Kunstwerk.

Eine Schlange erhebt sich neben der indischen Göttin Kali, Tänzerinnen und Musiker rahmen, in farbenfrohe Kleidung gehüllt, dunkle Kriegsszenarien ein, Menschen sterben unweit von einer Geburt: Es passiert viel auf dem Ölgemälde des ungarischen Künstlers Tamás Péli, das sich wandfüllend über vier Faserplatten in der ersten Etage der Fridericianums erstreckt.

„Geburt“ von Tamas Péli: documenta-Kunstwerk setzt sich mit Ursprüngen der Roma auseinander

Mit „Geburt“ hat der Künstler 1983 ein Werk erschaffen, das sich mit den Ursprüngen der Roma auseinandersetzt und ihnen dadurch einen eigenen Schöpfungsmythos verleiht. Durch seine Bildgewalt wird das Gemälde zum zentralen Ankerpunkt des von der OFF-Biennale Budapest kuratierten Bereichs zum Thema „One day we shall celebrate again“.

Ursprünglich hatte der 1994 verstorbene Künstler das Werk für ein Kinderheim im Andrássy-Schloss in Tiszadob angefertigt – ein Heim, in dem hauptsächlich Roma-Kinder lebten, wie Katalin Székely erzählt. Sie ist Kunsthistorikerin und Mitglied im Kuratorenteam der OFF-Biennale Budapest.

„Geburt von Roma-Kunst in Ungarn“: Kunsthistorikerin Katalin Székely von der OFF-Biennale Budapest über d15-Kunstwerk

„Es war ein Anliegen Pélis, den Kindern eine Schöpfungsgeschichte zu geben“, erzählt sie. Da viele Künstler, die mittlerweile in ihren 30er- oder 40er-Jahren sind, in genau diesem Kinderheim aufgewachsen seien, habe die „Geburt“ einen großen Einfluss auf die jüngere Generation von Roma-Künstlern gehabt: „Dadurch war das Gemälde auf gewisse Weise auch die Geburt von Roma-Kunst in Ungarn“, so Székely.

Tamás Pélis Werk ist vielschichtig. Neben mythischen Wesen, die in Volkserzählungen der Roma auftauchen, baut er auch Gottheiten in seine Erzählung ein. So steht die Geburt der Roma im Zentrum des Bildes. Die indische Göttin Kali hebt Manus hoch, „den ersten Mann“, wie die Kuratorin erzählt, und präsentiert ihn einem namenlosen Gott auf einem Pferd.

Kali steht dabei für die indischen Wurzeln der Roma: „In den 1970er- und 1980er-Jahren hat sich die Roma-Intelligentsia in Ungarn geformt und die indischen Wurzeln der Roma wiederentdeckt. Tamás Péli hat selbst eine Exkursion nach Pakistan unternommen und diese Region zusammen mit Freunden als Land der Roma ausmachen können“, erklärt Székely.

Holocaust an den Roma: „Geburt“ von Tamas Péli macht sich Porajmos zum Thema

Neben der Geburt der Roma widmet er sich auch dem Zusammenleben der Bevölkerungsgruppe mit der ungarischen Bevölkerung: „Péli zeigt historische Momente wie Freiheitskämpfe Ungarns, die auch von Roma unterstützt wurden.“ Diese Kämpfe sind in der unteren Hälfte des Gemäldes zu sehen und leiten damit in den düsteren Teil der „Geburt“ ein.

Denn ebenso zentral wie die Geburt des Volkes stellt Péli in seinem Gemälde den Porajmos dar, den Holocaust an den Roma während der Zeit des Nationalsozialismus. Diesen zeigt der ungarische Künstler durch sterbende Menschen, die sich an einem Adler festkrallen. Die Darstellung eröffnet dabei den Diskurs über den Völkermord. „Diese Tragödie war Anfang der 1980er-Jahre, als das Gemälde entstanden ist, kein Allgemeinwissen in Ungarn“, so Székely.

Laut Székely sei Pélis Gemälde besonders wichtig für viele Entwicklungen gewesen: „Wenn wir von dem Gemälde sprechen, sprechen wir eigentlich über viele Geburten: die Geburt eines Volks, die Geburt des historischen Narrativs über das Zusammenleben der Roma und der ungarischen Bevölkerung, die Geburt der Bürgerrechtsbewegung der Roma – und schließlich die Geburt der Roma-Kunst in Ungarn.“

Wollen Sie Informationen zur documenta direkt in Ihr Postfach bekommen? Dann abonnieren Sie einfach unseren documenta-Newsletter.

Alle Infos zur Weltkunstausstellung, Terminen, Tickets und Dauer finden Sie in unserem documenta-FAQ.

Alle Standorte der documenta fifteen finden Sie in unserer interaktiven Karte.

Auch interessant

Kommentare