Definitionsmacht über das Ich

Themen der documenta: Körperbilder und Körperwahrnehmung

Kassel. Wer ist der Bestimmer? Eine Frage, die die documenta 14 bei vielen Themenbereichen aufwirft. Wer die Definitionsmacht hat, wer Maßstäbe festlegt, nimmt einen immensen Einfluss auf ein Gemeinwesen. aber auch auf Individuen. Die d14 untersucht in vielfältiger Weise, was das für Auswirkungen hatte und hat.

Zu betrachten ist das etwa in den Bereichen Kolonialismus oder Kulturkanon, aber auch im ganz privaten Leben: wenn es um Geschlechtszuordnungen geht, um Körper, Körperbilder, -definitionen und körperliche Unversehrtheit. Hierzu passt der Begriff verkörpertes Wissen, ein Gedanke, der der d14 wichtig ist. Also: Nur, was ich erlebt habe, was sich in meinem Körper eingeschrieben hat, habe ich begriffen. Nur dann habe ich die Kompetenz, darüber zu sprechen.

In der Neuen Galerie lassen sich vielfältige künstlerische Auseinandersetzungen zu Körpern finden, eine Reihe von Räumen ermöglichen es, erhellende Bezugslinien zu knüpfen.

Heilserfahrung

Mit einem Messer wird der alte Körper aufgeschnitten: Jahangir-Album, „Christi Auferstehung“.

Den Körper als Vehikel einer Heilserfahrung sehen verschiedene Religionen. Ein Kupferstich aus dem Jahangir-Album (um 1600) zeigt eine Auferstehungsszene, in der ein Engel mit einem Messer die Christusgestalt häutet, die alte Gestalt fällt zu Boden, der neue Mensch ersteht. Auch Buddhafiguren sind zu sehen, deren lange Ohrläppchen verweisen auf die Ausgezehrtheit nach langem Fasten – eine religiöse Praxis mit starker körperlicher Auswirkung.

Körperzerstörung

Vereinzelte Körperteile aus Terrakotta: „Anatomy Lesson“ von K. G. Subramanyan.

Diesen Ansichten gegenübergestellt sind Zeichnungen, die von physischer Not erzählen. Hungern durch Krieg und Flucht, sei es in Bengalen in den 40ern, sei es im Zweiten Weltkrieg in Europa. Hier wird der Körper abhängig, fremdbestimmt, Spielball von Machtinteressen. Karl Hofer hat 1937 einen „Mann in Ruinen“ in Öl gemalt, von Chittaprosad (1915-1978) kommen Arbeiten auf Papier, auf denen zu sehen ist, wie der Hunger in Bengalen Menschen zu unterwürfigen Bittstellern machte. Bei dem Minsker Künstler Wladyslaw Strzeminski (1893-1952) scheinen sich in weichen Bleistiftlinien die Körper vollkommen in Konturen aufzulösen. Ein Zeitzeugnis aus dem Zweiten Weltkrieg, das in seiner kompletten Reduktion größtmögliche Universalität erlangt.

Ein Gedicht über zerstückelte Körper ergänzt eindrucksvolle Terrakottatafeln des indischen Künstlers K.G. Subramanyan (1924-2016), einem Aktivisten aus dem Umfeld Mahatma Gandhis. Neben den Reliefs von Händen, Leibern Gesichtern verweist es auf Bombenattentate, auf Körperzerstückelung durch Terrorakte unserer Tage im Straßenraum.

Körper als Objekt

Gegen den vereinnahmenden Blick: Amrita Sher-Gils „Self-Portrait as a Tahitian“, 1934

Der taxierende, vereinnahmende Blick anderer kann einen Körper zum Objekt machen, fremd-definiert und unterlegen. Amrita Sher-Gil erobert stellvertretend für Frauen aus vom Westen als exotisch definierten Ländern die Körperhoheit zurück, indem sie ein Selbstporträt malt, das Südseeporträts von europäischen Männern wie Paul Gauguin ähnelt, aber den Betrachterblicken auf Augenhöhe begegnet. Auch die einstige Pornodarstellerin und Feministin Annie Sprinkle rückt nackte Frauenkörper, Pin-Ups in aufreizender Pose, zurück in die Selbstbestimmtheit.

Körperabweichungen

Ohne Arme und mit unklarer Geschlechterzuordnung: Porträt von Lorenza Böttner.

Was ist normal – was ist krank? Und wer bestimmt darüber? Die documenta würdigt die Künstlerpersönlichkeit Lorenza Böttner, geboren als Ernst Lorenz Böttner, der als Kind bei einem Stromschlag beide Arme und eine Schulter verlor. Er/sie studierte an der Kasseler Kunsthochschule, befasste sich mit Behindertsein als Kategorie, malte mit den Füßen, performte und verwischte Geschlechtergrenzen. Die d14 zeigt verschiedene Werke Böttners.

Ganz in der Nähe ist ein weiterer Versuch zu besichtigen, sich den Körper zurückzuerobern: Alina Szapocznikow (1926-1973), einst an Brustkrebs erkrankt, formt aus Polyester unheimlich anmutende Gebilde, die sie Tumor nennt.

Paul B. Preciado im Reader

Unter dem Titel „Mein Körper existiert nicht“ schreibt d14-Kurator Paul B. Preciado sehr persönlich über seine Geschlechtsumwandlung - in bürokratischer Hinsicht. 

Paul B. Preciado

Sein Essay steht im documenta-Reader, der Publikation mit dem intellektuellen Überbau zur Ausstellung. Wie ein privates Schicksal untrennbar mit den Entscheidungen von Behörden verbunden ist, wie zum Beispiel persönliche Handlungsspielräume dadurch eingeschränkt sind, dass die Genehmigung von Preciados Namensänderung auf sich warten lässt und er in der Zwischenzeit keine Kreditkarte nutzen kann, illustriert das Thema Definitionsmacht über den Körper plastisch.

Rubriklistenbild: © Fischer

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