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Tops und Flops der documenta: Was ist sehenswert, was enttäuscht aktuell eher?

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Von: Leonie Krzistetzko, Bettina Fraschke, Mark-Christian von Busse

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Khalid Albaih in der Unterführung am Platz der Deutschen Einheit in Kassel während der documenta fifteen.
Lautsprecherkästen kaum sichtbar: Khalid Albaih bespielt die Unterführung mit Lebensgeschichten von Geflüchteten. © Bettina Fraschke

Auf der documenta gibt es immer Kunstwerke, die manchen sehr gut gefallen, anderen weniger. Wir haben ein paar Tipps gesammelt – und auch eine Enttäuschung.

Audio-Installation am Platz der Deutschen Einheit

In der Unterführung am Platz der Deutschen Einheit passiert etwas Paradoxes: An dem Ort, wo normalerweise Menschen nur durchhetzen, um noch die Tram zu erwischen oder weil sie die unangenehme Atmosphäre der beschmierten Kachelwände so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen, stehen jetzt Leute nah an Wänden und verweilen konzentriert.

Das ist genau der Effekt, den Künstler Khalid Albaih erzielen will. Der Kopenhagener mit Wurzeln im Sudan ist eigentlich politischer Karikaturist. Er hat im Auftrag des dänischen Kollektivs Trampoline House, das politisch wie praktisch die Situation Geflüchteter verbessern will, die Unterführung bespielt. An die Wände der zu den Ausgängen führenden verschiedenen Gänge hat er Kästen gehängt, aus denen Stimmen erklingen.

Leute erzählen ihre Fluchtgeschichte. Acht Schicksale, acht unterschiedliche biografische Situationen von Nigeria über Kurdistan bis Ukraine. Die Kästen sind mit dem Graffiti so übermalt, dass sie auf den ersten Blick kaum auffallen und wirken, als hingen sie schon immer dort. Geflüchtete fühlen sich oft unsichtbar, sagt Albaih, man müsse sich eben bewusst darauf einlassen, sie und ihre Geschichte zu hören.

Er will auch Assoziationen zu Situationen wecken, in denen man aufpassen muss, was man sagt, weil die Wände Ohren haben könnten – Stichwort politische Flüchtlinge. So kann ein Nicht-Ort mit künstlerischen Mitteln Schicksale hörbar machen, können Kästchen an der Wand Menschen in Verbindung bringen.

Hitzefrei: Abkühlung im Rondell

Sie ist vielschichtig, die Installation der Hanoier Künstlerin Nguyen Trinh Thi, die das Rondell bespielt und zu einem vietnamesischen Urwald werden lässt. Das ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb der Ausstellungsort für Besucher zu einem der Highlights auf der documenta in Kassel werden könnte: Es ist in der Installation einfach angenehm kühl.

Im Rondell in Kassel befindet sich während der documenta fifteen eine Sound- und Lichtinstallation.
Im Rondell in Kassel befindet sich während der documenta fifteen eine Sound- und Lichtinstallation. © Dieter Schachtschneider

Im Gewölbe platziert, bietet Nguyen Trinh This multimediales Werk Besuchern neben der eindrucksvollen Sound- und Lichtinstallation auch ein schattiges Plätzchen, und mit den Sitzkissen in der Mitte die Möglichkeit, einmal richtig durchatmen zu können. Dazu kommt natürlich der künstlerische Gehalt der Installation: Um eine Buchszene zu imitieren, werden Töne aus einem Chiliwald in Vietnam übertragen, die zusammen mit den beleuchteten Chilipflanzen zu einem eindrucksstarken Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Ahle Wurscht: Kulturgut im Ruruhaus

Überraschung im Ruruhaus: Die Ahle Wurscht ist documentawürdig – nicht nur als Souvenir im Shop (dort gibt es sie auch), sondern als Exponat: Auch im Untergeschoss hängt eine Stracke. Dort wird das Projekt „Eine Landschaft“ vorgestellt, das den Osten von Kassel in den Blick nimmt.

Untersucht wird „lokales Wissen“, das eine „Gegenperspektive zur Universalität weltweiter Märkte“ einnimmt, wie es in der Erläuterung heißt. Die Ernte – also das Ergebnis der Spurensuche – wird an der „Harvestwall“ präsentiert. Bei der nordhessischen Spezialität handele es sich um eine historische, geschützte Kulturtechnik: „Der Geschmack ist empfehlenswert!“ Apropos: Köstlich ist die Ahle Wurscht am Bootshaus Ahoi. Mit diesem Produkt kann Nordhessen absolut punkten.

Fehlende Installation an der Fulda

Wer dieser Tage die Kunstwerke der documenta fifteen rund um die Fulda abklappern möchte, wird nach einem Kunstwerk erfolglos suchen: Die Teppicharbeit des vietnamesischen Nhà Sàn Collectives hängt nicht mehr in der Mitte der Walter-Lübcke-Brücke. Zugegeben: Schon vorher war das Kunstwerk nicht von jedem Winkel der Brücke aus gut zu sehen, und etwas versteckt platziert, jetzt ist es komplett verschwunden.

Auf unsere Anfrage bei der Pressestelle, wieso die Arbeit nicht mehr zu sehen ist, haben wir noch keine Begründung erfahren. Es stellt sich also die Frage, ob das Verschwinden Plan des Kollektivs war, oder beispielsweise auch, ob jemand den Teppich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in der Fulda versenkt hat.

Dabei ist gerade einmal ein Monat der d15 vorbei. Wird das Thema nicht bald kommuniziert – und das ist wichtig, denn die Pläne sind schon gedruckt –, werden wohl noch viele Besucher nach einem Kunstwerk suchen, das es so nicht mehr gibt.

Tickets, Dauer und Co. - hier gibt es alle wichtigen Infos zur Weltkunstausstellung documenta in Kassel.

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