Verstorbene Künstler auf der dOCUMENTA (13)

Vermächtnis im Fridericianum: Besucher betrachten die biografischen Zeichnungen von Charlotte Salomon. Die jüdische Malerin starb 1943 im Konzentrationslager Auschwitz. Foto:  Herzog

Kassel. Die documenta ist eine Standortbestimmung zeitgenössischer Kunst. Doch die d13 öffnet auch das Ahnenbuch der Kunstgeschichte und zeigt verstorbene Künstler, die als geistige Väter und Mütter der aktuellen documenta-Positionen auftreten.

Ähnlich wie bei den Artefakten aus mehreren Jahrtausenden wirkt der Ansatz archäologisch. Die Vergangenheit wird nach Arbeiten durchsiebt, die vielleicht ein kollektives Gedächtnis formen und uns auch über das Heutige etwas sagen können.

Charlotte Salomon

Eine dieser Arbeiten ist die Bilderserie vonCharlotte Salomon im Fridericianum. Die jüdische Malerin wurde mit 26 Jahren im KZ Auschwitz ermordet und ist in ihrem Werk vielleicht exemplarisch für das Menschenbild der d13: Erfüllt mit Fragezeichen, geprägt von Brüchen und irgendwo zwischen Politischem und Persönlichem. Wir stellen noch weitere wichtige Tote der d13 vor. (str)

Wenn es nicht so zynisch klänge, könnte man Korbinian Aigner (1885-1966) den Vorzeigetoten der d13 nennen. Denn der bayerische Pfarrer vereint vieles, wofür die documenta steht, in seiner Person. Seine Apfelzeichnungen, die ihn während seiner Zeit im KZ Dachau bei Verstand hielten, sind Kunst, wissenschaftliche Beschreibung und Therapie zugleich. Der Korbiniansapfelbaum, der mit einem Baum von Jimmy Durham direkt neben der Orangerie gepflanzt wurde, lässt seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime ganz real weiterwachsen. Zerstörung, Holocaust, Breitenau, Wiederaufbau: Aigners Geschichte führt assoziativ zurück zum Kern der documenta. Nach seiner Befreiung aus dem KZ kultivierte der katholische Pfarrer seine Apfelzucht und wird so auch geistiger Ahn des öko-anbauenden Künstlerkollektivs And And And. Korbiniansapfelsaft kann man - für stattliche 3,50 Euro - auch an jedem documenta Erfrischungsstand kaufen.

Apfelbilder: Fridericianum

Baum: Neben der Orangerie

Giorgio Morandi

Vier „Geisteszustände“ oder künstlerische Positionen wollte Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev mit der d13 anschaulich machen: „auf der Bühne/unter Belagerung/im Zustand der Hoffnung/auf dem Rückzug“. Ein Kronzeuge für das Sich-Zurückziehen, eine „Zurücknahme seiner selbst“, ist ihr Giorgio Morandi (1890-1964), der schon auf der ersten documenta 1955 ein Kabinett hatte und von dem im „Brain“ (Gehirn) Stillleben, ein Landschaftsgemälde und eine Stadtansicht zu sehen sind, außerdem einige bemalte Flaschen und Bücher sowie ein Foto seines Ateliers.

Als um ihn der Faschismus wütete, malte der in Bologna beinahe mönchisch lebende Zeichenlehrer und Professor für Grafik kaum mehr als Gefäße: Vasen, Flaschen, Kannen, Becher. Schlicht, zart, kontemplativ. Immer reduzierter, abstrakter. Die Sommer verbrachte der lungenkranke Maler im Bergdorf Grizzana, nur ein einziges Mal reiste er ins Ausland (zu seiner Ausstellung mit Gabriele Manzú in Winterthur). Ob er „die Machtverhältnisse durcheinanderbringen“ konnte, wie der Katalog behauptet, sei dahingestellt. Aber er widerstand den gefährlichen Ideologien seiner Zeit. Und das ist schon sehr viel.

Salvador Dali

Mit kitschigen Flyern für die Dalí-Ausstellung am Potsdamer Platz werden in Berlin die Touristen belästigt. Seine geschmolzenen Uhren gibt es auch auf Kaffeebechern und Krawatten. Doch trotz seines Status des kommerziellen Mainstream-Künstlers scheut sich die documenta nicht, Salvador Dalí (1904-1984) im Fridericianum als einen der Väter der modernen Malerei zu positionieren. Aus seinen beiden surrealistischen Bildern „La grande paranoÏaque“ (Das große Paranoide, 1936) und „Espagne“ (1938) liest das Kuratoren-Team die Entfremdung vom Denken heraus. Die Figuren, verschränkt im surrealistischen Knäuel, sind keine konkreten Gestalten mehr, sondern unterschiedslose Menschenmasse, weit weg vom Individualismus. Auch die Vorliebe des spanischen Malers für Quantenphysik spielt im Konzept des Fridericianums eine Rolle. Nur ein paar Meter weiter zeigt Anton Zeilinger seine wissenschaftlichen Experimente in eben dieser Disziplin. (str)

Konrad Zuse

Der Computer-Erfinder Konrad Zuse (1910-1995), der auch im Haunetal bei Bad Hersfeld lebte, hat auch ein eher unbekanntes Künstlergesicht. In der Orangerie sind mehrere seiner abstrakten Aquarelle und Ölgemälde ausgestellt, außerdem die Konstruktionszeichnung seines Computer-Prototypen Z1. Allerdings kann man das auch als Widerspruch zur Kunst-Wissenschafts-Verschmelzung der d13 sehen: Wenn Konrad Zuse erfinden wollte, hat er Computer konstruiert, wenn er Künstler sein wollte, hat er expressive, farbige Bilder gemalt.

Alighiero Boetti

Ein Verbindungsglieder zwischen Kassel und Kabul - wenn auch eines der Vergangenheit - ist der italienische Künstler Alighiero Boetti (1940-1994), der 1972 und 1982 documenta-Teilnehmer war. Boetti arbeitete in Afghanistan und eröffnete dort das „Hotel One“. Auf der d13 spürt nun Mario Garcia Torres diesem Projekt in einem Film nach. Außerdem hat der mexikanische Künstler eine in Afghanistan gewebte Landkarte nach Kassel gebracht, die Boetti schon 1972 ausstellen wollte. Damals blieb sie auf der Reise stecken. (str)

Alighiero Boetti: Weltkarte, Fridericianum

Quelle: mydocumenta

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