Cornelius Tittel nennt Sammlung im Fridericianum "drittklassig"

Von wegen "krachend gescheitert": Warum die documenta-Kritik der „Welt“ daneben liegt

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Nur „drittklassig“?: Das behauptet „Welt“-Autor Cornelius Tittel von der Athener Kunstsammlung im Fridericianum – hier der Raum der palästinensisch-britischen Künstlerin Mona Hatoum. 

Kassel. Die documenta ist tot? Wer am Wochenende in der vollen, lebendigen Ausstellung unterwegs war, dürfte einen anderen Eindruck gewonnen haben.

Depression in Kassel? Nichts davon zu spüren.

„Traurige, verzweifelte oder resignierte Bildungsbürgergesichter, die sich in das ICE-Bordrestaurant zurücksehnen“ – die hat „Welt“-Autor Cornelius Tittel beobachtet. Nun ist die Frage, ob sich Gesichter wirklich sehnen können. Sei’s drum – jedenfalls ist Tittels Text die bislang härteste Kritik an der documenta 14. Er spricht gar von der „enttäuschendsten Großausstellung aller Zeiten“.

Nun hat es Kritiker-Kontroversen um die documenta immer gegeben, auch die 14., vom Polen Adam Szymczyk (46) verantwortete Ausgabe ist zerrissen worden, von „Zeit“-Autor Hanno Rauterberg beispielsweise in einem durchaus klug argumentierenden Text. Der „Welt“-Rundumschlag („Skandal“, „kuratorischer Amtsmissbrauch“, „krachend gescheitert“, „tiefste documenta-Krise ihrer Geschichte“) sucht allerdings seinesgleichen.

Dass sich Tittel, Chefredakteur des der „Welt“ regelmäßig beiliegenden Hochglanz-Kunst-Magazins „Blau“, auf anonyme Quellen beruft, stärkt seinen Feuilleton-Aufmacher jedoch nicht. Vornehmlich einen Taxifahrer zu zitieren, ist ein journalistisches Armutszeugnis. Dass er manches schreibt, was schlicht nicht stimmt – geschenkt. Natürlich ist Szymczyk, den er als „fahrlässig und inkompetent“ schmäht, zur Vorbereitung viel häufiger als „nur dreimal“ nach Kassel gereist, wie Tittel behauptet. Natürlich hat er bei seiner Künstlerauswahl nicht „alles, was am Markt erfolgreich ist, aussortiert“. Und die Athener Museumssammlung im Fridericianum soll nur „drittklassig“ sein?

Interessanter ist, wie sich im Autor offenbar alles gegen Szymczyks Vorhaben gesträubt hat, bislang in der Kunstwelt und auf dem Markt zu kurz gekommenen, missachteten, übersehenen Positionen Geltung zu verschaffen. Dass das Sammlern und Galeristen missfällt, liegt auf der Hand. Tittel schimpft, weil er die Ausbeutung von nordamerikanischen Navajo-Frauen, die Unterdrückung der Sami-Minderheit Skandinaviens oder einen armamputierten Transgender-Künstler aus Kassel kennenlernen musste. Er beweist genau die weiße, westliche, koloniale Überheblichkeit, die Szymczyk und seine Kuratoren geißeln.

Wirklich problematisch wird es, wo Tittel nach der Verantwortung für das vermeintliche „Versagen auf allen Ebenen“ fragt. Die Findungskommission nimmt er merkwürdig großzügig in Schutz („wer hat sich nicht schon einmal blenden lassen?“). Der Aufsichtsrat hätte eingreifen müssen, meint er. Wie und an welcher Stelle aber hätten etwa Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Hessens Kunstminister Boris Rhein aktiv werden sollen? Indem sie Szymczyks Auswahl korrigieren? Mit den eingeladenen Künstlern deren Werke besprechen? Sich zu Kontrollgängen an den Ausstellungsorten einfinden?

Nein, die Politik hält sich bei der Konzeption der eigentlichen documenta-Ausstellung heraus, und an diesem Grundsatz durch so polemische, bösartige Artikel zu rütteln, ist höchst fahrlässig. Wenn Politiker den Ausstellungsmachern diktieren würden, was diese in Kassel zu zeigen haben – das wäre wirklich der Tod der documenta.

Einen Trost kann man dem Kritiker, der in Kassel bloß „ein bisschen Straßenstrichfolklore“ entdeckt hat, geben: Ohne dass es seines Weckrufs bedarf, wird sich die documenta bald neu erfinden. Die d15 startet bei Null. Sie wird sich von dieser gewiss stark unterscheiden.

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