Serie: Tops und Flops auf der documenta

Köken Erguns Video: Sieben Minuten Film mit ungeheurer Wucht

+
Ich, der Soldat: Köken Erguns eindrucksvolle Videoarbeit „I, Soldier“ im Fridericianum. Links ein Militärpolizist.

Kassel. Die Hälfte der documenta 14 ist schon vorbei, und wir entdecken immer noch neue persönliche Höhepunkte und Enttäuschungen.

Was uns an der documenta 14 begeistert und was uns ärgert – eine persönliche Auswahl der Kulturredaktion. In dieser Serie sammeln wir in regelmäßiger Abfolge eine Auswahl von Kunstwerken und Beobachtungen, die zu Begeisterung oder Verärgerung geführt haben. Die Serie wird fortgesetzt.

Top: Ulises Carrións Video

Ausgerechnet neben dem Café in der documenta-Halle, unten, da wo man zum Essenfassen, Fahrstuhl oder zur Toilette strebt, steht der Bildschirm mit dem Video „Chewing Gum“ von Ulises Carrión. Der mexikanische Künstler, Schriftsteller und Buchhändler (1941-1989) filmt Menschen, die Kaugummi kauen und mit einem unfassbar leeren Blick schauen – vielleicht ihrerseits auf ein TV-Gerät, was eine hinterlistige Verdoppelung der Betrachtungssituation erzeugen würde. Die Beiläufigkeit des Films ebenso wie die der Inszenierung des Bildschirms im Raum ist auf dieser bedeutungsschwangeren Schau wohltuend, fast cool.

Bettina Fraschke

Wandfüllend: Andrea Bowers „No Olvidado“.

Flop: Tote am Grenzzaun

Mit Chantal Akermans thematisch ähnlicher, aber großartig vielschichtiger Videoarbeit „From The Other Side“ von der D11 kann Andrea Bowers wandfüllende Bleistiftzeichnung „No Olvidado“ (Unvergessen) im Fridericianum l nicht mithalten. Die US-Künstlerin verzeichnet – ergänzt von Stacheldraht-Schlaufen – Namen von Menschen, die an der US-mexikanischen Grenze starben. Mehr dekorativ als facettenreich.

Bettina Fraschke

Top: Köken Erguns Video

Die sieben Minuten „I, Soldier“ von Köken Ergun im Fridericianum haben ungeheure Wucht. Der Istanbuler Künstler, Jg. 1976, hat junge türkische Soldaten bei einer Stadion-Präsentation aufgenommen. Exerzieren im Gleichschritt, Salutschüsse, Fahnen, aber auch HipHop, Trampolin-Salti und Karatevorführungen werben fürs Militär.

Die Parade lässt spüren, wie attraktiv das sein kann, sich in einer Armee einzuordnen, sich in der Masse aufgehoben zu fühlen. Das pathetische Gedicht eines Kommandeurs aber gipfelt im „Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich.“ Er verflucht, „die unseren Pfad verlassen“. Jubel. Gruselig. 

Mark-Christian von Busse

Flop: Schutz für Werke nötig

d14-Aufsicht ist garantiert kein leichter Job. Dass Rucksäcke – wie in Museen üblich – abgegeben werden müssen, dürfte eigentlich selbstverständlich sein. Aber viele Besucher sind offenbar sonst nie in Ausstellungen.

Manchmal glaubt man seinen Augen nicht: Da legt sich ein Mann im Palais Bellevue fast auf eine Vitrine, bloß um sein Handy direkt über dem Werk zu platzieren. Die Folge manchmal respektlosen Verhaltens: Immer mehr Arbeiten müssen geschützt werden, durch Sperren oder Markierungen. Vor Georgios Xenos’ toller Kohlezeichnung im Fridericianum hängen neuerdings Glasscheiben. Schade.

Mark-Christian von Busse

Top: Lorenza Böttners Bilder

Die Biografie von Lorenza Böttner klingt wie ausgedacht: Sie wurde als Ernst Lorenz Böttner in Chile geboren, verlor mit neun beim Spielen durch einen Starkstromunfall beide Arme, studierte an der Kasseler Kunsthochschule und starb 1994 an den Folgen von HIV.

Gibt man ihren Namen im HNA-Archiv ein, fand man bislang nur einen Artikel aus dem Jahr 1980. Damals schaffte „Herr Böttner“ als erster Nordhesse ohne Arme den Führerschein. Nun kann man in der Neuen Galerie endlich die Künstlerin Lorenza Böttner entdecken – unter anderem hängt dort ein faszinierendes Selbstporträt, das sie mit den Füßen malte. 

Matthias Lohr

Maschine gegen Mensch: Plakatives Video von Regina José Galindo im Palais Bellevue.

Flop: Künstlerin vor Panzer  

Für viele war die Scheinhinrichtung, bei der die Besucher mit Plastikgewehren auf reglose Regina José Galindo zielen konnten, eine der eindrücklichsten Performances der d14. Denkt man das Video im Palais Bellevue hinzu, indem sie (etwas arg theatralisch keuchend und irritierend langsam) vor einem Panzer davonjoggt, entsteht für mich jedoch ein problematisches Bild eines weiblichen Körpers.

Galindo inszeniert sich in ihrer Zartheit als völlig ausgeliefert und bedient das Stereotyp der wehrlosen Weiblichkeit. Das ist sicher für viele Frauen schreckliche Realität. Doch durch ihre documenta-Beiträge – die ihr Sichtbarkeit und Handlungsmacht verleihen – reproduziert die Künstlerin nur Bilder von weiblicher Schwäche, von denen es schon zu viele gibt. 

Saskia Trebing

Top: Frösche im Dunkeln

Wer sagt eigentlich, dass die documenta keine sinnlichen Momente bietet? Wer schon mal bei Dunkelheit (am besten bei samstäglichem Laserlicht aus der Orangerie) um Ben Pattersons-Frosch-Installation am Küchengraben geschlichen ist, erlebt ein hysterisch surreales und zuweilen leicht gruseliges Klanguniversum.

Die geisterhaft sprechenden, quakenden und singenden Zweighaufen wirken bei Nacht noch mehr wie versteckte Wesen im Dickicht. Pattersons Arbeit zeigt, wie Kunst ganz ohne theoretische Aufladung einen Ort komplett verwandeln kann.

Eine romantisierende Wirkung scheinen die Lautsprecher-Frösche ebenfalls zu haben. Auf der Bank an der Grabenbrücke sitzen auffällig viele knutschende Paare. 

Saskia Trebing

Was meinen Sie?

Nun möchten wir auch Ihre Tops und Flops der d14 wissen. Was ist Ihnen beim Ausstellungsbesuch besonders aufgefallen? Welche Künstler haben Sie geärgert oder begeistert? Schreiben Sie uns Ihre Eindrücke per E-Mail mit Namen und Wohnort an kulturredaktion@hna.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.