Von Berliner Zeitung bis Welt

So urteilen Medien über documenta 14 in Athen: "Kassel will nicht zuhören"

Kassel. Was bedeutet die Ankündigung des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk, die documenta 14 auf Athen auszudehnen und sie bereits im April 2017 dort beginnen zu lassen? Eine Halbierung der documenta für Kassel, eine Verdoppelung der Ausstellung? Darüber spekulieren auch die überregionalen Medien.

Wir ziehen eine Zwischenbilanz der Diskussion in den Feuilletons:

„Schockstarre und Empörung“ bemerkt die Berliner Zeitung  wegen des documenta-„Doppelmoppel“ in Kassel. Autorin Ingeborg Ruthe kann die Entrüstung angesichts der documenta 13 im Jahr 2012 aber nicht nachvollziehen: „Wer damals schon die Augen aufsperrte, sah, wohin der documenta-Weg führte: Zwar eher nur bildlich-symbolisch, doch deutlich wahrnehmbar waren das ägyptische Alexandria, das afghanische Kabul als documenta-Orte ausgewiesen.“

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Auch für den Tagesspiegel zeichneten sich Szymczyks Pläne ab. Die Zeitung sieht für den Perspektivwechsel – „die Rolle des Gastgebers wird zugunsten des Gastes aufgegeben“ – „gute Gründe“: „In Athen könnte die documenta, die Kunst neue Reibungsfläche gewinnen.“

„Athen ist das neue Kassel“, titelt Die Welt. Verlustängste könnten aber heilsam sein: „Was spricht eigentlich dagegen, die documenta 2017 aus ihrer territorialen Lage in Nordhessen zu befreien? Szymczyk muss Strukturen aufbrechen. Im globalisierten Ausstellungsbetrieb ist die documenta längst ein Dinosaurier.“

Skeptisch, ob das Athen-Experiment nicht als kolossale Enttäuschung endet, ist Die Zeit. Fluch und Segen der documenta sei, dass jeder Leiter sich eine besonders originelle, nie dagewesene Präsentationsform ausdenken müsse: So sei das Ausstellungsformat wichtiger als die Kunst.

Wenn Athen Sinnbild für die globale Situation sei, dann, folgert Autor Hanno Rauterberg, habe Kassel, wo über Jahrzehnte Künstler die Geschichte der Stadt, ihre Kriegsverstrickung und ihre Kriegsleiden befragt hätten, „alle Sinnbildressourcen aufgebraucht“. Er bedauert: „Die schöne alte Idee, an einem einzigen Ort die Kunst der Welt zusammenzubringen, ist für dieses Mal verloren.“

Dass man den definitiven Stand der Weltkunst schön übersichtlich auf dem Edelstahlteller einer nordhessischen Kleinstadt präsentiert bekommen könnte, hält Ingo Arend in der tageszeitung und im Deutschlandradio Kultur für eine Illusion. Ob ein Umzug gegen den Ermüdungseffekt des liebgewordenen documenta-Rituals hilft, daran zweifelt er allerdings. Dahinter lauere „die zwiespältige, in 100 mauen Biennalen rund um den Globus zu Tode gerittene Idee einer Kunst, die politisch und sozial ,eingreift‘, ohne je etwas an dieser schlechten Welt geändert zu haben.“ Arend warnt vor einer „mitleidigen Solidaritätsgeste“. Griechenland brauche keine ästhetische Entwicklungshilfe. Manchmal sei sogar Distanz hilfreich: „Nichts ist falscher als die Idee, das Feuer, das die Welt verzehrt, ließe sich nur beschreiben, analysieren, gar löschen, wenn man mitten in ihm sitzt.“

„Etwas weniger Lärm wäre gut“, appelliert die Frankfurter Allgemeine. Den „aufgebürsteten“ Protest-Ton beim „Documenta-bleibt-hier-Gepolter“ findet die FAZ bizarr: „AfDhaft schrill.“ Weder sei das Erbe Arnold Bodes in vollen Kassen des Einzelhandels zu suchen, noch sei zu befürchten, dass 2017 „in Kassel nur noch abgenagte Gegenwartskunstreste und ein paar Wegweiser nach Athen zu sehen sind“. Autor Niklas Maak findet es „überhaupt nicht abwegig“, Künstler in Athen und Kassel tätig werden zu lassen, um „zu schauen, wie sich die Kunst verändert, wenn sie an einem Ort entsteht und gezeigt wird, an dem sich die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Probleme Europas verschärfen wie kaum anderswo.“

Die Süddeutsche Zeitung  hat Reporterin Susanne Höll nach Kassel entsandt. Sie zeichnet unter der Überschrift „Über eine Komplexe-Stadt“ das Stimmungsbild von verstörten, im Innersten verletzten Bewohnern, „die ihrer spröden Stadt und deren verborgenen Schätzen in der nordhessisch-grantigen Zärtlichkeit verbunden sind.“ Kassel habe sich gemausert, doch „Athen reißt alte Wunden auf“. Dass Oberbürgermeister Bertram Hilgen daran festhalte, die Politik habe keinesfalls in Ausstellungsdinge einzugreifen, findet sie erstaunlich: „Ein kühner Mann.“

documenta-Schauplatz Athen: „Kein Fridericianum ohne Akropolis“, blickt die FAZ auf historische Perspektiven und tröstet: „Wem 2017 die Kunst nicht zusagt, der kann einfach zum Parthenon gehen. Enttäuschend wird die Reise nicht sein.“ Foto: dpa

SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch urteilt, nirgendwo in Europa gebe es eine so unabhängige, wache Kunstszene wie in Griechenland. Sie bedauert die gekränkten Reaktionen: „Vielmehr scheint es, als wolle man sich abschotten. Gegen die Menschen und ihre Kunst, die man, mit der vollen Macht der Medien, lieber als Schmarotzer deklassiert hat. Kassel will nicht zuhören, nicht hinsehen, nicht Gastfreundschaft genießen müssen.“

Ausführlich berichtet auch das Magazin Art. Autor Ralf Schlüter macht deutlich, dass Szymczyk die documenta zu ihren Ursprüngen führen, dass er sie nicht auseinanderreißen, sondern so weit es geht ausdehnen wolle: „Damit berührt er künstlerisch einen Nerv, der seit der Finanzkrise politisch blank liegt.“ Logistisch sei der Schritt anspruchsvoll. „Geschickt ist er allemal: Schon jetzt eröffnete diese documenta ein eigenes Wirkungsfeld und erzählt eine eigene Geschichte – egal, wie gut oder schlecht die Ausstellung am Ende sein wird.“

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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