Video-Installation im Gießhaus bündelt Aspekte der documenta 14

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Beeindruckende Installation: „Crossings“ von Angela Melitopoulos im Gießhaus. 

Kassel. Das Gießhaus liegt auf dem Parcours der documenta 14 abseits. Doch die Vier-Kanal-Video-Installation „Crossings“, die die 1961 in München geborene Künstlerin Angela Melitopoulos dort präsentiert, bündelt wichtige Aspekte der Ausstellung.

Verschuldung, Flüchtlingskrise, Raubzüge des Kapitalismus, die Lage in Griechenland, der Blick in die Antike, Auflehnung gegen die Verhältnisse. Weil sich in der 109-minütigen Arbeit all diese Stränge kreuzen, lässt sich der Film als ein Schlüsselwerk der d14 betrachten.

Die Inszenierung

Beeindruckend ist die Inszenierung: Wie ein Spinnennetz hängen Beamer und Lautsprecher der 16-Kanal-Soundinstallation in der imposanten Kuppel. Nur dass Bilder und Übersetzung manchmal auf gegenüberliegende Wände projiziert werden, macht das Schauen etwas mühsam. Das Gebäude auf dem ehemaligen Henschel-Firmengelände ist ein Denkmal der Frühindustrialisierung. 1836/37 errichtet, diente es bis 1918 als Gießerei – ideal für die Präsentation des eindringlichen Films, in dem es um Industrie und Ausbeutung geht.

Industrie

Das ist der eine Aspekt des Films von Melitopoulos, die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Nam June Paik studiert hat und mehrmals beim Kasseler Dokumentar- und Videofilmfest vertreten war: Wie tiefgreifend sich der Bergbau auf der Halbinsel Chalkidiki auswirkt. Der Wasserkreislauf gerät aus dem Gleichgewicht. Grundwasser sinkt, wird verschmutzt, Bienen verschwinden, das Land verödet, die Bewohner fürchten, dass Asbest freigesetzt wird. Alles für Profite von Konzernen, die Rohstoffe zur Verarbeitung nach China bringen.

Flüchtlinge

Das zweite Thema: die Situation der Flüchtlinge. Melitopoulos zeigt ihre Lager, einen Brand auf Lesbos, Geflüchtete fühlen sich im Stich gelassen.

Antike

Dann die Ruinen in Lavrion, ein Archäologe schildert Bergbau und Wasserwirtschaft der Antike, zeigt Stollen und Kanäle aus vorchristlichen Jahrhunderten. Ein Bericht von Sklaven in Korinth und ihrer Revolte folgt. Hunderttausende arbeiteten angekettet, „Werkzeuge mit Füßen“, so Aristoteles.

Die Texte

Die Kommentarstimme geißelt die Verschuldung als Instrument der Macht. Seit der Auflösung der Kolonien würden Kriege nicht mehr blutig, mit Waffen, sondern mit ökonomischen Mitteln geführt. Die griechische Infrastruktur werde zu lächerlich niedrigen Preisen verkauft, um Banken zu retten. Der Kapitalismus mit seinem zerstörerischen Raubbau von Ressourcen solle überall durchgesetzt werden. „Kapitalismus ist die Plünderung von allem, was in einem Ort existiert“, sagt eine Frau – Erde, Luft, Wasser, und auch die Seelen: „Ein gieriges Monster. Je mehr man es füttert, desto mehr will es fressen.“

Die Bilder

Oft aber lässt Melitopoulos einfach ihre Kamera sprechen, die minutenlang an Zäunen entlangfährt, karge, vertrocknete Landschaft zeigt, auf Bergen von Schwimmwesten auf Lesbos verharrt. Greifarme nehmen Müll des illegalen Flüchtlingslagers in Idomeni auf. Gefechte um Kobane an der türkisch-syrischen Grenze. Olivenernte. Limousinen fahren von Fähren. Lkws am Hafen. Verfallene Produktionsanlagen. Straßenschlachten in Athen. Flüchtlingskinder beim Sprachunterricht. Bagger, die Wunden reißen. Tagebau rückt an Ausgrabungsstätten heran.

Provokationen

Manche Bilder, etwa vom Europäischen Rat in Brüssel, provozieren – die EU hat ja für Griechenland lauter Rettungspakete ausgehandelt. Man könnte und müsste mit der Filmemacherin und den Protagonisten diskutieren – wie über die kurdische Siedlung, wo nicht nur Volkstänze eingeübt werden, sondern die dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan huldigt. Als von Methoden der „Kritik und Selbstkritik“ die Rede ist, wird es gruselig – wie im Stalinismus.

Widerstand

Melitopoulos’ Film zeigt auch – und das ist ebenfalls ein wichtiges Anliegen der documenta 14 – Formen des Protests, des Widerstands und der Solidarität. Blockaden, Demonstrationen. „Sklaven und Frauen sind in den Quellen stumm“, heißt es über Korinth. Flüchtlinge würden „mit Mauern umgeben, aus dem Sichtfeld genommen“. Auf der d14 soll zu Wort kommen, wer kein Gehör findet.

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