Viel mehr als eine Ausstellung: Symposium diskutierte 60 Jahre documenta

Musik statt Debatte: Adam Szymczyk (von links), Flamenco-Sängerin Carmen Amor und Gitarrist und Künstler Hiwa K. 2 Fotos: Malmus

Kassel. Nach zwei Tagen Debatte überraschte beim Symposium zur documenta seit 1997 Adam Szymczyk, Leiter der Ausstellung 2017, mit Musik.

Wer erwartet hatte, der Pole würde sich zu seinen Plänen äußern, wurde enttäuscht.

Der 44-Jährige verzichtete auf jedes persönliche Wort.Szymczyk hatte Flamenco-Sängerin Carmen Amor und den Künstler und Musiker Hiwa K mitgebracht, die frenetisch bejubelt wurden. Momente höchster Intensität auch, als Szymczyk einen Film präsentierte – ohne zu erläutern, worum es sich handelt: Wohl in einem Palästinensergebiet sind durch Tränengas und Schüsse verletzte, aufgebrachte Demonstranten zu sehen. Die Kamera kreist um einen Mundharmonikaspieler und einen Gitarristen: „Spiel mir das Lied vom Tod“ erklingt.

Vorher hatte Szymczyk drei „Geschichten“ gelesen. Es ging um Zeugenschaft, um eine horizontale oder vertikale Perspektive auf die Welt. Ein Flüchtling, aus einer vermeintlich „sicheren“ Stadt im Irak stammend, prägt sich die Karte eines umkämpften Ortes, in dem er nie gewesen ist, so gut ein, dass er die scharfe behördliche Befragung besteht und Asyl erhält. Der Film warf die Betrachter dann mitten in ein heftiges Geschehen, in dem es gar keine Distanz gibt. Bilder, die kaum auszuhalten waren.

DAS SYMPOSIUM 

800 Teilnehmer hatten sich angemeldet, trotz drückender Schwüle war die Halle dicht gefüllt: ein toller Erfolg. documenta-Professorin Dorothea von Hantelmann hatte Experten wie den Soziologen Oliver Marchart (Düsseldorf) oder den Wissenschaftshistoriker und Physiker Peter Galison (Harvard) eingeladen. Jeder documenta-Leiter hatte selbst Gäste mitgebracht, um die eigene Ausstellung zu reflektieren und einen Bogen ins Jahr 2014 zu schlagen: Was ist geblieben?

Mitunter folgte in langen Blöcken Vortrag auf Vortrag, es kam meist zu keiner wirklichen Diskussion auf dem Podium, das Publikum wurde nur vereinzelt beteiligt.

documenta X

Catherine David berichtete, wie sie sich möglichst weit von Jan Hoets Ausstellung 1992 distanzierte. Ihr sei es bereits auf einen „postkolonialen“ Blick angekommen – jetzt hatte sie Künstler aus China mitgebracht, die über Quellen ihrer Inspiration sprachen. David, Vize-Direktorin im Musée National d’Art Moderne im Centre Georges Pompidou Paris, warnte vor einer „Biennalisierung“ der documenta. Der Rhythmus eines „Reset“ alle fünf Jahre sei Voraussetzung für die Intensität der documenta.

Documenta11

Okwui Enwezor, Direktor im Haus der Kunst München, sprach von der documenta als „Akademie der Möglichkeiten“ mit dem Luxus, sich zurückzuziehen. Die „Deterritorialisierung“ seiner Ausstellung führte sein Ko-Kurator Sarat Maharaj, Professor in Malmö, in einem spannenden Vortrag über „das konzeptuelle Verständnis des globalen Raums“ aus, in dem wir weltweit miteinander verstrickt sind – wie beim Strickzeug seiner Mutter, wenn es durcheinandergeraten war. Shuddhabrata Sengupta (Neu- Delhi) sagte: „Um die Dinge zu sehen, wie sie sind, müssen wir sie uns vorstellen, wie wir sie gern hätten. Das ist die Aufgabe der Künste.“

documenta 12

Dass die documenta 12 in der Presse neben Zustimmung auch viel Kritik geerntet hatte, durchzog die Diskussion, der sich neben dem documenta-Leiter Roger M. Buergel auch die Ko-Kuratorin Ruth Noack stellte. Insbesondere Noack bestand darauf, das Konzept der „Migration der Formen“ sei nicht reaktionär, sondern „progressiv und feministisch“ gewesen. Noack stellte die Frage, für welche Zielgruppe die documenta eigentlich gemacht werde. Es überwiege eindeutig das Laienpublikum, das man habe erreichen wollen. Wie theorielastig darf oder muss die documenta sein? „Nicht alles an Kunst kann diskutiert werden“, warf Buergel dazu ein.

dOCUMENTA (13)

Carolyn Christov-Bakargiev, die ab Januar ans Museum Castello di Rivoli Turin zurückkehrt, überraschte damit, sie sei gar nicht am Ausstellung-Machen interessiert. Sondern an der Begegnung von „Formen des Lebens und Formen der Kunst“. Im Sinne dieser Vermischung von Kunst und Leben sei ihre d13 ein „Komposthaufen“ gewesen. Das Publikum selbst sei „Material“ künstlerischer Praxis geworden.

Adam Szymczyk beim Symposium in der documenta-Halle

DAS ERGEBNIS

Sofern sich die zwei Tage überhaupt auf den Punkt bringen lassen: Die documenta ist inzwischen viel mehr als eine Kunstausstellung. Sie leistet „Wissensproduktion“, schafft einen „Verhandlungsraum“ für brennende Fragen von Gegenwart und Zukunft. Womöglich schält sich ein Format heraus, für das es noch keinen Begriff gibt, ein Experiment in globaler Verbundenheit und Solidarität, bei dem praktisch kein Teilnehmer seine Muttersprache spricht. „CCB“ nutzte den Begriff „Worlding“ – das Herausbilden einer Welt. Die documenta könnte in diesem Sinn Ausdruck einer sich entwickelnden Weltgesellschaft sein.

Alles zum 60. Geburtstag der documenta gibt es hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.