Briefe reisen zum Friedrichsplatz

Viele Kunstwerke der documenta haben einen Bezug zu Kassel und der Region

Post für Kassel: Das Werk der Künstlerin Moira Davey (in der Neuen Hauptpost) besteht aus Fotos der Künstlerin, die sie als Briefumschläge an das d14-Team geschickt hat. Fotos:  Malmus (2), Fischer (2)

Die documenta 14 ist eine Ausstellung des Woanders. Vor der Orangerie steht eine bolivianische Blutmühle, in der neuen Hauptpost hängen Rentierschädel aus Lappland.

Trotzdem setzt sich die Weltkunstschau nicht nur in den Kasseler Standorten fest, sondern trägt auch inhaltlich Spuren ihrer Heimatstadt. Wir haben einige Beispiele für regionale Bezüge zusammen getragen.

Historische Figuren

Deutsche Geschichte ist in der zeitgenössischen Kunst ein unwiderstehlicher Themenfundus, und auch das internationale Kuratorenteam der documenta hat sich mit berühmten Kasselern der Vergangenheit beschäftigt. In der neuen Galerie, dem historischen Bewusstsein der d14, hängen Aquarelle und Radierungen der Brüder Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm und documenta-Gründer Arnold Bode ist sowohl verwischtes Motiv auf einem Gerhard Richter-Gemälde als auch Schöpfer mehrerer Zeichnungen und Ölbilder. Der amerikanische Künstler Pope L. nimmt sich ebenfalls der Kasseler Märchenbrüder an. In seiner „Whispering Campaign“ interessiert er sich besonders für Ferdinand Grimm, den Außenseiter der Familie.

Kasseler Trauma: Das Video von Sefa Defterli zeigt die Demonstration „Kein 10. Opfer“ nach dem NSU-Mord an Halit Yozgat 2006.

Kasseler Themen

Die d14 bringt ihren internationalen Besuchern diesmal auch ein schmerzhaftes Thema der jüngeren Kasseler Vergangenheit nahe. In der Neuen Hauptpost zeigen die „Society of Friends of Halit“ Ergebnisse ihrer Recherchen zum NSU-Mord an Halit Yozgat im April 2006. Gezeigt wird auch die Arbeit des Londoner Wissenschaftskollektivs „Forensic Architecture“, die durch eine digitale Rekonstruktion der Ereignisse die Aussage des Ex-Verfassungsschützers Andreas Temme widerlegt, vom Verbrechen im Internetcafé in der Holländischen Straße nichts mitbekommen zu haben.

Während sich viele d14-Beiträge auf längst Vergangenes beziehen, ist diese Arbeit eine Stimme in einem laufenden juristischen Prozess. Mit einem regionalen Aspekt der Migration beschäftigt sich dagegen die palästinensische Fotografin Ahlam Shibli. Mit ihrer Kamera hat sie Teestuben, Glaubensgemeinschaften, Vertriebene und multikulturelle Sportvereine in Nordhessen besucht. Ihr Blick auf die Neuankömmlinge trägt den Titel: „Heimat“.

Historisch: Gemälde von Ludwig Emil Grimm von 1841.

Kassel Als Sehnsuchtsort

Ross Birrell schickt Reiter durch Europa, Nikhil Chopra fuhr mit Auto und Anhänger von Athen nach Kassel. Bei mehreren d14-Projekten wird die documenta-Geburtsstadt als ersehntes Ziel einer langen Reise inszeniert.

Die US-Künstlerin Moira Davey folgt diesem Ansatz, ohne sich selbst zu bewegen. Sie hat Abzüge ihrer Fotos zu Briefumschlägen gefaltet und sie an Mitgliedern des documenta-Teams ins Büro am Friedrichsplatz geschickt. In der Tradition von Alighiero Boettis Briefkunst hängen die Weitgereisten mit Kasseler Adresse, Stempeln und anderen Spuren ihres Weges in der Neuen Hauptpost.

Kasseler auf der d14

Als einziger lebender Kasseler Künstler stellt Gernot Minke zwei seiner Erdbauten an der Kunsthochschule aus. Ein botanischer „Kasseläner“ wird zumindest neu inszeniert: Der Kosovare Sokol Beqiri hat eine der heimischen Beuys-Eichen an der Holländischen Straße mit Ästen eines Athener Artgenossen verpfropft. 

Werke mit Bezug zu Kassel

Bei einem documenta-Rundgang lassen sich viele Bezüge zu Kassel und der Region aufspüren. Eine Auswahl von Werken:

Neue Galerie:

Arnold Bode: Acht Zeichnungen und Gemälde (1920 bis 1965).

Jacob und Wilhelm Grimm: Vier Aquarelle („Hinrichtung Ludwigs XVI“, 1797 und „Altdeutsche Wälder 1 bis 3“, 1813-1816)

Lucius Burckardt: Werke aus der Serie „Landschaftstheoretische Aquarelle“ (1970-1995).

Gerhard Richter: „Porträt Arnold Bode“ (1964).

Sergio Zevallos: „War Machine“ (2017). In Zevallos’ Galerie der „Kriminellen“ taucht auch der Kasseler Rüstungsunternehmer Manfred Bode auf.

Neue Hauptpost:

Society of Friends of Halit: Dokumentation und Rechercheergebnisse zum NSU-Mord an Halit Yozgat (2006 - 2017).

Moira Davey: „Skaletal Bhudda“ (2017), Briefe nach Kassel.

Ahlam Shibli: „Heimat, Nordhessen, Germany“ (2016 - 2017).

Daniel Garcìa Andùjar: „The Disasters of War/Trojan Horse“ (2017), u.a. Modell der zerstörten Garnisonskirche.

Bilder von Heimat: Ahlam Shibli war in Nordhessen unterwegs.

Kunsthochschule:

Gernot Minke: Zwei Bauten des Kasseler Künstlers unter dem Titel „Earth Sound Space“ (1992/2017).

Bali-Kinos:

Jonas Mekas: Fotografien aus den Lagern für „Displaced Persons“ in Wiesbaden und Kassel/Mattenberg (2012-2016).

Friedrichsplatz, Königsplatz, weitere öffentliche Orte und freies Radio Kassel: Pope L.: „The Whispering Campaign“, Geflüsterte Texte mit Kassel- und Athen-Bezügen. Alle Standorte und Zeiten stehen in einem Faltblatt, das im Presse- und Informationszentrum ausliegt.

Holländische Straße:

Sokol Beqiri: Verpfropfte Beuys-Eiche an der Holländischen Straße.

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