Mein Lieblingskunstwerk: Hannah Ryggens Teppiche im Fridericianum

Malen mit dem Webstuhl: Die Künstlerin Hannah Ryggen stellt Teppiche her, die an Gemälde erinnern. Die Bildsprache ist brachial und düster. Foto:  Fischer

Ich bin eine Malerin“, sagt Hannah Ryggen. „Aber eine Malerin, deren Werkzeug nicht der Pinsel ist, sondern der Webstuhl.“ Die Webteppiche der 1894 im schwedischen Malmö geborenen Künstlerin, die bis zu ihrem Tod 1970 in Norwegen lebte, hängen in der Rotunde des Fridericianums im ersten Stock.

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Da schwebt, durch Schuss- und Kettfaden eng verwoben, ein enormes Kreuz wie ein Fallbeil über zwei Enthaupteten, auf deren abgeschlagenen Gesichtern ein fassungsloser starrer Blick eingebrannt ist. Da drängt sich, auf einem Bild mit dem Titel „Tod eines Traumes“, eine geisterhafte Menge von Gefangenen (unter ihnen der geigende Albert Einstein), die im Gitterdunkel darauf wartet, von ihren Peinigern erwürgt zu werden.

Die Bildsprache ist so brachial und düster, so gewaltig und gleichzeitig so banal wie das Verbrechen, als dessen Zeuge sie auftritt. Angeprangert werden der europäische Faschismus und sein Versuch, alles Menschliche im Europa der Dreißiger- und Vierzigerjahre zu ersticken.

Nach ihrer künstlerischen Ausbildung gab Hannah Ryggen ihrem drängenden Verlangen nach, „etwas mit der Hand zu tun“ und brachte sich die Technik des Webens selbst bei.

Nicht nur der Gegenstand, sondern auch der Schaffensprozess ihrer Kunst ist ein Akt antifaschistischen Widerstandes. Die Kommunistin Ryggen wählte ein urproletarisches Produktionsmittel und setzt damit nicht nur ein Zeichen der Solidarität mit den unterdrückten Arbeitern, sondern unterläuft auch den plumpen Kunstbegriff der Nazis.

Als die Wehrmacht Ryggens norwegischen Heimatort Ørland besetzt hatte, übersahen die Soldaten ihre Kunstwerke. Hannah Ryggen hatte die Webteppiche in ihrem Garten demonstrativ auf eine Wäscheleine gehängt.

Von Gerd Brehm

Quelle: mydocumenta

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