Wein, Blumen und viel Theorie: documenta 13 veröffentlicht neue Notizbücher

Carolyn Christov-Bakargiev

Kassel. „100 Notizen - 100 Gedanken“ heißt die Reihe von Notizbüchern, die die documenta 13 auf dem Weg zur Ausstellung im Sommer 2012 herausgibt. In diesen Tagen erscheinen die nächsten 17 Bände, die Nummern 18 bis 34.

Die ersten 17 Bände hatte documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev im Frühjahr bei Veranstaltungen in Kairo, New York und Buenos Aires vorgestellt.

Wieder ist das Spektrum der Bändchen, die zwischen 12 und 48 Seiten umfassen und vier bis acht Euro kosten, denkbar breit. Die Notizbücher umfassen „Gedichte aus einer Heimat“ der in Katoomba, New South Wales, Australien, lebenden Aborigine-Dichterin Romaine Moreton ebenso wie eine Einführung in das Denken des Philosophen und Psychoanalytikers Cornelius Castoriadis (1922-1997) und Auszüge aus dessen Werk.

Alexander Kluge Fotos:  Fischer/nh/dpa

Der in Genf lehrende Kunsthistoriker Dario Gamboni begibt sich auf die Spur des rastlosen Künstlers Paul Gauguin, und der mexikanische Schriftsteller Mario Bellatin träumt von 100 von ihm selbst geschriebenen Büchern, die jeweils 1000-mal gedruckt werden.

Das Phänomen der Unleserlichkeit von Notizen ist ebenso Thema eines Essays (von der in Palo Alto, Kalifornien, lehrenden Kunsthistorikerin Pamela M. Lee) wie der „Archivierungszwang“ des Kunstbetriebs, der seine Wurzel in der Konzeptkunst der 60er- und 70er-Jahre habe (Suely Rolnik: „Archivmanie“). Die in Leeds lehrende Kunsthistorikern Griselda Pollock betrachtet anhand einer Auswahl von Arbeiten das künstlerische Werk Charlotte Salomons, die als schwangere Jüdin 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Weitere Stichworte sind „Die Moral der Verweigerung“ (Nalini Malani und Arjun Appadurai zu Ideen Gandhis zur Gewaltlosigkeit) und „Kojotenanthropologie“ - unter diesem Titel schreibt der Anthropologe Roy Wagner über das „Unausgesprochene, Ungehörte, Unbekannte“. „Ironische Ethik“ betitelt der Medientheoretiker Franco Berardi seinen Text über die Zustände in seinem Heimatland Italien unter dem anhaltenden Einfluss Silvio Berlusconis.

An das Motto der documenta, Zusammenbruch und Wiederaufbau, erinnert das Lexikon zu Afghanistan, das die Künstlerin Mariam Ghana mit ihrem Vater, dem Ökonomen Ashraf Ghani, gestaltet hat: ein Kreislauf von Niedergang und Erneuerung. Wie der Arte-Povera-Künstler Alighiero Boetti ab 1971 für sechs Jahre in Kabul ein Hotel betrieb, schildert die Kunstkritikerin Annemarie Sauzeau, die 20 Jahre mit Boetti verheiratet war.

Blumenstrauß mitbringen

Auch ein bekannter deutscher Schriftsteller und Filmemacher ist unter den Autoren: Alexander Kluge steuert die Erzählung „Er hat die herzlosen Augen eines über alles Geliebten“ bei. Der wohl schönste Titel jedoch gebührt Mario Garcia Torres: In „Einige Fragen hinsichtlich des Zögerns bei der Entscheidung, eine Flasche Wein oder einen Blumenstrauß mitzubringen“ lädt der mexikanische Künstler dazu ein, an Gedanken zum Verhältnis von Gast-Sein und Gastgeberschaft teilzuhaben.

Weitere Informationen: www.documenta.de, www.hatjecantz.de/documenta13

Von Mark-Christian von Busse

Quelle: mydocumenta

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