Whispering Campaign

Werk des Künstlers Pope L.: Ein Flüstern legt sich über die Stadt

Auch hier soll für die documenta 14 geflüstert werden: Aufnahmestudio des Freien Radios mit Frank Weißenborn (vorn), d14-Kurator Dieter Roelstraete (hinten, links) und Leon Hösl (kuratorischer Assistent der d14, der das Projekt von Pope L. betreut hat). Fotos: von Busse

Kassel. 9438 Stunden Programm kann kein Mensch hören, auch nicht Bruchteile davon, schon gar nicht in Athen, wenn man bloß ein paar Tage documenta dort erleben kann.

Aber das erwartet auch niemand. Das Geflüster von Pope L. soll einen eher unvermutet überfallen, an überraschenden Orten, auch plötzlich nach langen Phasen des Schweigens.

Die „Whispering Campaign“ des 1955 geborenen Chicagoer Universitätsprofessors zur documenta 14 wird es auch in Kassel geben, etwa im Fridericianum, in der Königsgalerie, im Kulturbahnhof, durch Performer, die mit Lautsprechern durch die Stadt laufen, und von Autos aus. In Athen fahren diese durch die Stadt, hierzulande erlaubt das die Straßenverkehrsordnung nicht. Was merkwürdig ist, wenn man daran denkt, wie manche Autofahrer ihre Anlagen aufdrehen.

Auch im Freien Radio Kassel wird geflüstert, täglich (außer montags) von 14 bis 16 Uhr sowie immer von Mitternacht bis sechs Uhr morgens.

Die Texte stammen von Pope L. oder wurden von ihm kompiliert: eine Collage von Slogans, Märchen, Mythen, Textfragmenten, Zahlenketten, teils wiederholt, in einstündigen Blöcken nach einer präzisen Partitur, die sich dem Zuhörer aber nicht erschließt, wie Leon Hösl, kuratorischer Assistent der d14, erläutert.

9436 Stunden Programm: Hinweisschilder zur „Whispering Campaign“ in Athen.

Bei seinem Besuch im Herbst war Pope L. an Kasseler Geheimnissen interessiert, an Legenden, Geschichten, die gewissermaßen unter der Oberfläche wabern – ein bisschen wie Daniel Knorrs Rauch über dem Fridericianum, sagt Kurator Dieter Roelstraete. Die Biografie von Ferdinand Grimm, dem Bruder der Märchensammler Jacob und Wilhelm und des Malers Ludwig Emil, von der ihm Grimm-Professor Holger Ehrhardt erzählt hat, hat Pope L. beispielsweise fasziniert – er war das schwarze Schaf der Familie.

Roelstraete bezeichnet das Projekt als Kommentar zum „horror vacui“, der Scheu vor der Leere. Der Künstler – ein „Zenmeister des Understatements“ – schätze den Musiker John Cage, in dessen Werk gerade die Stille eine große Rolle spielt. Und es geht um Gerüchte, die politischen Einfluss haben, um die „Kraft der Insinuation“ – in den USA haben gerade rechte Radiotalker enorme Bedeutung. Deren Strategie soll unterwandert, mit anderen Inhalten gefüllt werden.

In der griechischen Hauptstadt war es frustrierend, die Pope-L.-Standorte aufzusuchen, etwa im Panathinaikos-Stadion oder auf dem Ersten Athener Friedhof, nur um die sparsam ausgeschilderten Lautsprecher nicht zu finden. Oder sie schwiegen gerade. In Kassel wird die „Whispering Campaign“ auf alle Fälle auf der Frequenz 105,8 Mhz (Kabel 97,8 Mhz) und über Livestream zu empfangen sein. Für Frank Weißenborn vom Freien Radio ist es „eine tolle Sache“, dass es erstmals an einer documenta teilnimmt und so sein 20-jähriges Bestehen feiert: „Das ist auch unsere Aufgabe als Bürgerfunk, solche Experimente mitzumachen.“

Beeindruckt haben ihn der Aufwand und die Logistik für das rein akustische, immaterielle Werk: Alles wurde auf Deutsch und Griechisch übersetzt, nächtelang im Studio aufgenommen. Seit Herbst gingen Dateien zwischen Chicago und Kassel hin und her: „Pope L. nimmt das alles sehr ernst.“ Und Weißenborn hat festgestellt: „Flüstern ist körperlich extrem anstrengend.“

Workshop und Live-Flüstern

Jeden Mittwoch von 15 bis 16 Uhr wird in den Räumen des Freien Radios (Opernstraße 2) live geflüstert – und zwar mit verbundenen Augen, direkt vom Studio in den Äther. Das wird für Besucher übertragen. Gäste, die die Akteure beobachten wollen, sind ausdrücklich erwünscht. Der Besuch im Studio lohnt sich schon wegen des Blicks auf den Parthenon der Bücher. Wer mittwochs ab 14.6. selbst als Flüsterer mitmachen möchte, kann sich beim Freien Radio für einen vorbereitenden Workshop mit dem Künstler Pope L. am Montag, 12. Juni, anmelden: Tel. 0561/578063 oder verein@freies-radio.org

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