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whysoempty: Wie junge Stadtplaner Leerstand in Kassel nutzbar machen wollen

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Von: Alina Andraczek

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Maximilian Frey in einem fast leeren Raum
Stadtplaner Maximilian Frey bespielt mit dem Projekt whysoempty gerade einen leerstehenden Raum in der Markthalle. © Alina Andraczek

Lange wurde der Kasseler Osten wenig beachtet, jetzt belebt die documenta fifteen das Areal. Andere Orte in der Stadt sind noch immer untergenutzt. Das Projekt whysoempty? will Leerstand sichtbar machen und reaktivieren.

Wer dieser Tage durch die Kasseler Innenstadt spaziert, wird dort dank der documenta Touristenströme und florierende Gastronomie beobachten können - aber auch immer wieder verwaiste Ladenzeilen und leerstehende Geschäftsräume. Mit dem Vormarsch der großen Online-Händler ist auf Kassels Einkaufsmeile der Leerstand eingezogen. Leerstand, der die Innenstadt unattraktiv macht, klagen die ansässigen Händler.

Eine normale Situation in deutschen Innenstädten, könnte man annehmen. Maximilian Frey will den Leerstand nicht als Normalität akzeptieren. „Dass so viel Raum ungenutzt bleibt, stört mich schon seit ich aus Karlsruhe hierher gezogen bin“, sagt der 28-Jährige. Während seines Stadtplanungsstudiums hat Frey daher beschlossen, dem Leerstand etwas entgegenzusetzen: Mit Kommilitonen hat er das Projekt „whysoempty?“ ins Leben gerufen. Das junge Team will un- und untergenutzte Räume durch ein Kataster sichtbar machen - und so erreichen, dass sie für die Gemeinschaft genutzt werden können.

Maximilian Frey im Porträt
Stadtplaner Maximilian Frey setzt sich mit dem Projekt whysoempty für die Wiederbelebung von leerstehenden und untergenutzten Räumen ein. © Alina Andraczek

Potenzialraumkataster soll die Möglichkeiten zeigen, die Leerstand in Kassel bietet

In einem Seminar an der Uni Kassel haben die Stadtplanerinnen und Stadtplaner vor zwei Jahren begonnen, Leerstand in Kassel zu erheben, „um eine Dynamik feststellen und Veränderungen beobachten zu können“, sagt Maximilian Frey: „Wo sind Bewegungen drin, wo ist mehr Leerstand als nötig, wo kann man ansetzen?“ Darüber hinaus seien die Daten wichtig für die Stadtgesellschaft, um aktiv werden zu können. „Als Kulturschaffender sollte ich eine Einsicht bekommen, welche Räume ich bespielen kann und wie deren Konditionen sind, damit ich im nächsten Schritt vielleicht eine Förderung beantragen kann“, sagt Frey. Die Studierenden haben dafür ein „Potenzialraumkataster“ erstellt – und wollen mit dem Namen auf das Positive am Leerstand weisen: die Chancen, die er bietet. „Wir erheben nicht nur Leerraum“, sagt Frey, „sondern auch untergenutzten Raum, wie beispielsweise Stellplätze, Autoparkplätze oder große öffentliche Plätze wie den Entenanger.“

In Hessen wird der Leerstand von Wohn- und Gewerbeflächen nicht erhoben

Wie viele solcher „Potenzialräume“ es gibt, lässt sich zumindest auf dem hessischen Immobilienmarkt kaum nachvollziehen. Anders, als in anderen Bundesländern, müssen Immobilienbesitzer leerstehende Wohnungen und Gewerbeeinheiten nicht melden. Die Stadt Kassel führt daher keine Statistik über den Leerstand von Immobilien, wie ein Sprecher der Stadt auf Anfrage bestätigt. Als 2020 landesweite Erhebungen zum Wohnungsmarkt durchgeführt wurden, errechnete das Institut Wohnen und Umwelt eine Leerstandsquote von 2,2 Prozent für die Stadt Kassel – weniger als die 3 Prozent, die das Land Hessen als Kriterium für einen angespannten Wohnungsmarkt definiert. Mit anderen Worten: Kein Grund zur Sorge.

Deutschlandweit stehen immer mehr Büro- und Gewerbeflächen leer

Anders sieht es in der Innenstadt aus. Hier verfolgt man das Ziel, „drohenden Leerstand abzuwenden“, so ein Sprecher der Stadt Kassel. Während die Zahl leerstehender Wohnungen bundesweit seit Jahren abnimmt, stehen immer mehr Büro- und Ladenflächen leer – besonders in Klein- und Mittelstädten, aber auch in Großstädten wie Kassel. Nach Beginn der Coronapandemie hat der Immobilienverband Deutschland (IVD) einen starken Anstieg des Leerstands vermeldet. Laut den Experten handelt es sich dabei um kein temporäres Phänomen. Das Problem: Je mehr Leerstand, desto unattraktiver wird die Innenstadt.

Kassel versucht es mit Vermittlungsportalen und kurzfristigen Zwischennutzungen

Die Stadt Kassel bemüht sich daher, leerstehende Räume für die Kultur wiederzubeleben: Das Kulturdezernat hat das Vermittlungsportal „Räume für Kultur“ geschaffen, die Glas-Pavillons im Hansa Haus an der Kurt-Schumacher-Straße an Kulturinitiativen wie Studio Lev und k.Format vermittelt und mit der Initiative „Kultur trifft Leerstand“ Künstlern bisher leerstehende Räume in der Innenstadt kurzfristig zur Verfügung gestellt.

Leerstands-Spaziergänge, Vorträge und Zwischennutzungen

Maximilian Frey und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollen mit „whysoempty?“ zeigen: Die Stadt kann mehr, wenn un- und untergenutzte Räume gesehen und für die Gemeinschaft wiederbelebt werden. Und dafür bringen die Stadtplaner auch einige Ideen mit. Zum Beispiel für die Markthalle: Im vierten Unisemester haben sie mit „whysoempty?“ die Kasseler Innenstadt in den Fokus genommen und ein „Reallabor“ in leerstehenden Räumen der Markthalle eingerichtet. Die Studierenden haben hierfür Ideen gesammelt – ein Co-Working-Space, Ausstellungsorte oder soziale Treffpunkte könnten hier entstehen. Wie das aussehen kann, zeigt die Gruppe auch selbst: Im August organisiert sie hier mit dem Kommunalen Jugendbildungswerk Kassel einen Workshop für junge Menschen aus Italien, Polen, Griechenland und Deutschland.

Wir wollen da immer wieder mit dem Finger drauf zeigen.

Maximilian Frey

Solche kreativen Zwischennutzungen, Vorträge und Info-Veranstaltungen wie Leerstandsspaziergänge sollen Impulse für die Stadtgesellschaft sein, um aktiv zu werden. „Wir wollen da immer wieder mit dem Finger drauf zeigen“, sagt Maximilian Frey: „Hey, hier ist Handlungsbedarf, lasst uns gemeinsam was machen.“

whysoempty will eine Strategie gegen Leerstand

Ginge es nach „whysoempty?“, müsste man die Aktionen der Stadt gegen Leerstand in eine Strategie übersetzen. „Es braucht vor Ort immer individuelle Lösungen“, sagt Maximilian Frey. Auf Stadtebene aber sollte es eine Art Handlungsplan geben. Wie der aussehen könnte, hat der Stadtplaner mit seiner Masterarbeit entworfen. Dafür hat er sich die Frage gestellt, wie Leerstände in deutschen Innenstädten reaktiviert werden können - und verschiedene Bausteine entwickelt.

„Die größte Frage ist, wie man Eigentümerinnen und Eigentümer erreicht“, sagt Frey. Sein Ansatz: Kreative Formate wie Ausstellungen wecken die Aufmerksamkeit von Eigentümern. Initiiert werden sollen die von einem Potenzialraumbüro, das seine Daten wiederum dem Potenzialraumkataster entnimmt. „Wenn man nur vereinzelt sein Ding durchzieht, hat man keinen richtigen Fahrplan“, sagt Frey.

Kooperation von Stadtverwaltung, Stadtgesellschaft und Forschung

Das Projekt „whysoempty?“ soll als Impulsgeber fungieren, zwischen Stadtverwaltung, Bürgerinnen und Bürgern und Forschung. Denn Maximilian Frey ist überzeugt: Damit deutsche Innenstädte wieder belebt werden, braucht es neue Kooperationen zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Universität und Stadtgesellschaft. „Zum Beispiel kann die Verwaltung mehr Informationen über Gebäude generieren als wir, aber andererseits nicht aktivistisch sein“, sagt Frey. „Gemeinsames Handeln hätte riesige Vorteile - dafür braucht es aber eine Strategie.“

Kreative Aktionen, um Eigentümer zu erreichen

Bis es die gibt, bleiben die Stadtplaner kreativ: „Einmal haben wir mit Brandschutzdecken riesige Goldschleifen gebastelt und damit Leerstände beschmückt.“ An über 100 Potenzialräumen hat die Gruppe die Schleifen und je eine Postkarte mit kurzer Nachricht angebracht. Zehn Besitzer haben sich gemeldet, drei waren interessiert, einer hätte seinen Raum zur Verfügung gestellt. „Die Ausbeute war nicht groß“, sagt Frey, „aber das ist mehr, als momentan passiert.“

100 Tage: Die Stadt jenseits der documenta

Kassel als documenta-Stadt, Grimmheimat, Hauptstadt der Waschbären, Residenz des Herkules? Kassel ist mehr. Und das wollen wir zeigen. Im Schwerpunkt „100 Tage“ stellen die HNA-Volontäre engagierte Kasselerinnen und Kasseler, spannende Projekte und versteckte Ecken vor –in der Zeitung, Online und auf unserem Instagram-Kanal kassellive.

(Alina Andraczek)

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