Irgendwer filmt immer

Wie eine Geisteraustreibung: Noëls documenta-Performance in den Henschel-Hallen

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Zwischen Ekstase und Verzweiflung: Kettly Noël trat zwei Mal im documenta-Performance-Programm in den Henschel-Hallen auf.

Kassel. Ein Kampf gegen den eigenen Körper: Kettly Noëls Stück „Errance“ zeigte in den Henschel-Hallen, was Performance kann. 

Als die Zuschauer den abgetrennten Bühnenbereich in den Henschel-Hallen in Kassel betreten – draußen blitzt und donnert es passend zum dunklen Klang-Gewaber aus den Lautsprechern – achtet niemand auf die braune Umzugskiste vor den Stuhlreihen. Doch um 20 Uhr beginnt der Karton plötzlich zu zittern. Zuerst schauen zwei Beine heraus, dann zwei Hände und dann kriecht der ganze, bis in die letzte Faser gespannte Körper von Kettly Noël aus der engen Schachtel. Die erstaunlich elastische Tänzerin aus Haiti bestritt mit ihrem zweimal ausverkauften Stück „Errance“ (Herumirren) die vierte Veranstaltung der d14-Performancereihe in den Henschel-Hallen. Uneitel in weißem Unterhemd und Männerunterhose mit Eingriff, durchläuft die 48-Jährige in einer Dreiviertelstunde einen sichtbar kräftezehrenden Emotionsparcours, der auch für die knapp 150 Zuschauer beklemmend ist.

Mit ihrer einzigen Requisite, einem blutroten Wollfaden, scheint sie sich zeitweise strangulieren zu wollen, später kaut sie an ihrer selbst angelegten Fessel am Handgelenk, stopft sich ihre langen Finger in den Mund und würgt sie keuchend wieder heraus. Kettly Noël, die ihre Einflüsse in haitianischen Voodoo-Ritualen und afrikanischem Tanz verortet, inszeniert in ihrem Stück einen Kampf gegen den eigenen Körper. Alles, was diesen Körper quält, brutales Haareziehen, wiederholtes Luftabschnüren, tut er sich selbst an.

Zuweilen wirkt die Performance tatsächlich wie eine Geisteraustreibung. Aus den Lautsprechern flüstern dumpfe Stimmen (unterstützt vom Donnergrollen über der Halle), und als Kettly Noël sich um ein Mikrofon windet und hineinzischt und -schreit, klingt es, als müsse sie ein böses anderes Wesen aus sich herausquetschen.

Dass sich die Performance nicht recht einordnen lässt – sie mäandert ohne erkennbare Erzählung zwischen Trancezuständen, Tanz und Urschreitherapie – lässt sich als größte Stärke des Abends bezeichnen. Kettly Noël zeigt, was Performance in der Kunst sein kann. In ihrer reduzierten Inszenierung unter flackerndem Neonlicht liefert sie ihr Werkzeug Körper sich selbst und dem Publikum aus. Und auch die Zuschauer sind gezwungen, sich auf diesen schwitzenden, spuckenden Körper einzulassen, der im Bühnenquadrat zwischen den Stühlen manchmal nur Zentimeter entfernt ist.

Die documenta 14 hat mit ihrer Performancereihe in den Henschel-Hallen, die morgen ab 21 Uhr mit dem Konzert der Ali Farka Touré Band endet, den unwiederholbaren Moment und die Präsenz im Jetzt in den Fokus gestellt. Für einige Zuschauer scheint es jedoch gerade das Fehlen von vermittelnden Medien zu sein, das schwer auszuhalten ist. Irgendjemand filmt immer. Und Kettly Noël hat sogar bei ihrem zombiehaft steifen Gang durchs Publikum eine Kamera im Gesicht.

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