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Antisemitismus auf documenta: Experten wollen Propagandafilme nicht mehr zeigen

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Von: Matthias Lohr

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Problematisches Kunstwerk: Die propalästinensischen Propagandafilme des Kollektivs Subversive Film werden im Hübner-Areal (Foto) und im Gloria-Kino gezeigt. Das Expertengremium schlägt vor, Aufführungen zu stoppen – oder die Filme zu kontextualisieren.
Problematisches Kunstwerk: Die propalästinensischen Propagandafilme des Kollektivs Subversive Film werden im Hübner-Areal (Foto) und im Gloria-Kino gezeigt. Das Expertengremium schlägt vor, Aufführungen zu stoppen – oder die Filme zu kontextualisieren. © Dieter Schachtschneider

Eine Expertenkommission soll die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta aufarbeiten. Nun fordern die Fachleute ein Ende der Propagandafilme. Die Künstler wehren sich mit deutlichen Worten.

Kassel – Zwei Wochen vor Ende der documenta hat sich erstmals die Expertenkommission inhaltlich zu Wort gemeldet, die den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Kunstschau nachgeht. Die Mitglieder fordern, dass die propalästinensischen Propagandafilme des Kollektivs Subversive Film nicht mehr gezeigt werden – und sie kritisieren Ruangrupa sowie die documenta-Leitung. Die Künstlerkollektive haben sich ebenfalls zu Wort gemeldet und werfen den Experten vor, mit dem Bericht eine rote Linie überschritten zu haben. Es ist von Zensur und Rassismus die Rede.

Die Experten

Geht es nach der Expertenkommission, die Anfang August von den Gesellschaftern eingesetzt wurde, um die Antisemitismusvorwürfe gegen die documenta aufzuarbeiten, sollen die propalästinensischen Propagandafilme des Kollektivs Subversive Film nicht mehr gezeigt werden. Laut den Fachleuten stellen die Filme, die auf dem Hübner-Areal und im Gloria-Kino gezeigt werden, „in ihrer potenziell aufhetzenden Wirkung eine größere Gefahr dar“ als das entfernte Taring-Padi-Banner „People’s Justice“ auf dem Friedrichsplatz. Es bestehe „sofortiger Handlungsbedarf“.

Die Experten um die Vorsitzende Nicole Deitelhoff von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung kritisieren, dass der Terror gegen Israel nicht erwähnt werde. Zudem werde Israel mit NS-Deutschland gleichgesetzt. Die Filme könnten nur gezeigt werden, wenn sie kontextualisiert und „ihre antisemitischen Elemente klar benannt“ würden.

Zudem wirft das Gremium der documenta Einseitigkeit vor. Die künstlerische Leitung von Ruangrupa habe eine Kunstschau zu vertreten, die Israelis ausschließlich als Täter zeige. Auch die Geschäftsführung wird kritisiert, weil sie nicht frühzeitig in einen „nachhaltigen Dialog“ mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland getreten sei. Dies zielt vor allem auf Generaldirektorin Sabine Schormann, von der sich die documenta wegen ihres Krisenmanagements Mitte Juli trennte. Die Leitung habe zudem eine „antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen“.

Öffentlich gemacht hatte die Stellungnahme am Samstag die Vorsitzende Deitelhoff auf Twitter – und zwar als Kurz- und Langfassung. Warum nur fünf der sieben Mitglieder die lange Erklärung unterschrieben haben, ließ sie zunächst unbeantwortet. Offenbar war man sich im Gremium nicht einig.

Die Kollektive

Auch am Samstag meldeten sich die Kollektive zu Wort. Sie werfen den Experten vor, nur „schlecht recherchierte Behauptungen aus den Medien“ abzubilden. Tatsächlich enthält der Bericht der Fachleute wenig Neues. Zudem kritisieren die Kollektive die mangelnde Methodik. Begriffe wie „antizionistisch, antisemitisch und antiisraelisch“ würden nicht definiert. Kritik an der Besatzungspolitik Israels werde mit Hass auf den jüdischen Staat gleichgesetzt. Der palästinensische Widerstand tauche in vielen Werken auf, weil sich die Künstler mit diesem „antikolonialen Kampf“ solidarisierten. Man habe es mit einer „demütigenden Form der Kritik“ zu tun.

Analyse und Ausblick

Welche Auswirkungen das Urteil der Experten auf die Ausstellung hat und ob die Werke von Subversive Film weiter zu sehen sein werden, ist unklar. Eine Anfrage der HNA ließ die documenta unbeantwortet. Auch von Land und Stadt als Gesellschaftern gab es gestern keine Antwort. In Wiesbaden verwies man auf den Aufsichtsratsvorsitzenden, Oberbürgermeister Christian Geselle. Im Rathaus hieß es, man werde sich Anfang der Woche äußern.

Derjenige, der die Antisemitismus-Debatte im Januar entfacht hatte, ist enttäuscht. Jonas Dörge vom Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus schrieb im Blog Ruhrbarone, dass die Erklärung des Gremiums zwei Wochen vor Ende der documenta viel zu spät komme: „Seit Januar 2022 war das Problem bekannt.“ Der Antwort der documenta-Macher bescheinigte er eine „gewohnt weinerliche Arroganz“.

Klar ist, dass nach wie vor viele Fragen offen sind. Ruangrupa gehen bis heute etwa nicht darauf ein, warum die problematischen Propagandafilme nicht eingeordnet wurden. Aber auch die Experten müssen sich Fragen gefallen lassen. So kritisieren sie, dass sich die documenta nicht mit dem Nationalsozialismus und der Shoah auseinandersetze. Als müsste eine Kunstschau einen Lehrplan abarbeiten und als wolle man Künstlern aus Afrika, Asien und Lateinamerika vorschreiben, mit welchen Themen sie sich zu beschäftigen haben.

Der kommissarische documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz hat bereits vor Wochen darauf hingewiesen, dass eine documenta nicht ausgewogen sein muss. Ruangrupa sagen immer wieder, dass man lernen wolle. Eine Lehre auch aus der Expertenkommission scheint zu sein, dass die Gräben zwischen allen Beteiligten nur noch tiefer werden. (Matthias Lohr)

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