Mein Lieblingskunstwerk: Die Nähstube von István Csákány im Nordflügel des Hauptbahnhofs 

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Beeindruckende Handarbeit: Die Nähstube (Sewing Room) von István Csákány wirft einen kritischen Blick auf die Mechanismen der Textilproduktion. Fotos: Schachtschneider

Det is’ Kunst, wa“, berlinert der ältere Herr und zeigt auf die hölzernen Nähmaschinen, „bei den anderen Zeug weeßte nich’, wo vorne und wo hinten is.“ Der Mann hat recht - zumindest was die Nähstube von István Csákány im Nordflügel des Hauptbahnhofs betrifft.

Seit dem ersten Tag der documenta zieht es mich immer mal wieder dorthin. Anfangs war der Geruch des Nadelholzes noch stärker wahrnehmbar. Aber ein anderer Eindruck des ersten Tages bleibt: Hier hat ein Künstler gearbeitet, der sein Handwerk versteht.

Neun Nähmaschinen, eine Bügelmaschine und weiteres Gerät aus Holz, dazu neun kopflose Gestalten, gehüllt in Latzhosen und Jacken aus schwerem, dunklem Stoff - das ist auf kleiner Fläche in einem riesigen Raum die Installation des rumänisch-ungarischen Künstlers. Die meisten Tischler-, Schnitz- und Drechslerarbeiten sind mit viel Liebe zum Detail ausgeführt, die hölzernen Kabel beispielsweise winden sich unter den Maschinen, die einzelnen Schalter sind unterschiedlich gestaltet, die Leuchtstoffröhren sind ebenfalls aus Holz.

Uli Hagemeier, Leiter der Lokalredaktion Kassel der HNA

Die gesamte kleine Textilfabrik steht in einem Rahmen, der wirkt, als sei er sofort zum Umbau bereit, als könne schon morgen an einem anderen Ort produziert werden. Offenbar will Csákány den Betrachter hinter die Fassade der schönen Modewelt blicken lassen. Etwas Elegantes herzustellen, ist oft harte Arbeit. Ausbeutung ist in der Textilindustrie seit deren Beginn keine Seltenheit, die schnelle Verlagerung von Werkzeug und Material in Länder, in denen Personal billiger ist, seit vielen Jahren die Regel. So hinterfragt die Handwerkskunst Csákánys aus der Billiglohnregion Osteuropa die Mechanismen der Massenproduktion.

Aber vor allem viele Besucherinnen werden noch aus einem anderen Grund nachdenklich: Wie alt ist eigentlich deine Nähmaschine? Wann hast du zuletzt genäht? Solche Fragen hört man immer wieder, die hölzerne Nähstube weckt Erinnerungen an die eigene Handarbeit. Auch bei mir - allerdings nicht im textilen Gestalten, sondern an meine Tischlerlehre vor 20 Jahren. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich dieses hölzerne documenta-Kunstwerk so mag.

Von Uli Hagemeier

Quelle: mydocumenta

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