Spurensuche

Wo blieb jüdisches Eigentum? documenta-Künstlerin bittet um Hilfe

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Nach der Pogromnacht: Am 8. November 1938 entstand diese Aufnahme an der Großen Rosenstraße in der Kasseler Innenstadt. Damals wurden Wohnungen und das jüdische Bethaus verwüstet. Das Mobiliar flog auf die Straße.

Kassel. Künstlerin Maria Eichorn sucht für die documenta 14 nach Eigentum jüdischer Familien, das sich Nazis zu eigen machten. Dafür bittet sie nun um die Hilfe der Bevölkerung.

Das Foto entstand am Morgen nach der Reichspogromnacht 1938. Damals landeten vor der jüdischen Volksschule und dem Bethaus an der Großen Rosenstraße Schränke, Stühle, Bücher, Lampen und Geschirr von Kasseler Juden auf der Straße. Die Aufnahme dokumentiert die Zerstörung jüdischen Besitzes.

Maria Eichhorn

Es gab damals aber auch einen regelrechten Raubzug der Nationalsozialisten, die sich das Eigentum jüdischer Familien zur Beute machten. Die documenta-Künstlerin Maria Eichhorn fordert zur Auseinandersetzung mit diesem Thema auf. Sie hat im Obergeschoss der Neuen Galerie das „Rose Valland Institut“ eingerichtet. Benannt ist es nach einer französischen Kunsthistorikerin, die im Zweiten Weltkrieg heimlich darüber Buch führte, was die Nationalsozialisten bei ihren Kunstraubzügen in Paris erbeuteten. Diese Listen waren die Grundlage für die Rückgabe enteigneter Kunstwerke nach dem Krieg.

Akribische Buchführung: In der Neuen Galerie werden vergrößerte Listen gezeigt, auf denen das geraubte Eigentum jüdischer Familien dokumentiert ist.

Um die Dokumentation sowie die Erforschung der Herkunft geht es bei einem aktuellen Aufruf mit dem Titel "Unrechtmäßige Besitzverhältnisse in Deutschland". „Kassel als documenta-Standort ist uns dabei besonders wichtig“, sagt Valentina Ehnimb, die für das Institut von Maria Eichhorn arbeitet. Viele Gegenstände aus jüdischen Haushalten seien später irgendwann zum Beispiel auf Flohmärkten aufgetaucht. Teilweise sei unter Tellern oder Schüsseln der Name der ursprünglichen Besitzer erkennbar. Man habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich manche heute 40- oder 50-Jährigen darüber Gedanken machen, woher gewisse Erbstücke eigentlich gekommen sind. Man wolle eine Plattform für die Dokumentation bieten, bei den Nachforschungen helfen und möglicherweise auch dazu beitragen, dass Gegenstände an die Nachfahren der rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden. 

Alexander Fiorino

Der wohl spektakulärste Fall der Enteignungen in Kassel war der des jüdischen Bankiers, Kunstsammlers und bis 1933 überaus geschätzten Mäzens Alexander Fiorino. Zahlreiche Dokumente zu diesem Fall werden in der Neuen Galerie gezeigt. Fiorino hatte bis 1939 eine der größten und wertvollsten privaten Kunstsammlungen weit und breit. Er wurde von den Nazis dazu gezwungen, sie zu verkaufen, um eine als „Judenvermögensabgabe“ bezeichnete Steuer sowie die „Reichsfluchtsteuer“ zu bezahlen. Außerdem brauchte er Geld, um mittellosen Juden, die er in seinem Haus an der Kaiserstraße (heute Goethestraße) aufnahm, zu helfen. Fiorino starb 1940 im Alter von 97 Jahren. 1994 gab es eine Ausstellung mit Exponaten aus seiner Sammlung, die heute größtenteils von der Museumslandschaft Hessen Kassel betreut wird.

Hintergrund: Hinweise auch anonym

Der 1962 in Bamberg geborenen Künstlerin Maria Eichhorn geht es darum, das Bewusstsein dafür schärfen, dass geraubtes jüdisches Eigentum in vielen Bereichen unserer heutigen Gesellschaft zu finden ist.

Das Thema Raubkunst bestimmt zwar die Schlagzeilen, es geht aber auch um Möbel, Geschirr, Schmuck, Grundstücke, Unternehmen und Gebäude, die früher jüdische Besitzer hatten. Der Aufruf in Kassel richtet sich an Menschen, die wissen oder vermuten, dass Teile ihres Familienbesitzes ursprünglich aus jüdischem Eigentum stammen.

Das Rose Valland Institut sammelt solche Informationen und hilft dabei, offene Fragen zu klären. Die Zusage: Kontaktaufnahmen und Zuschriften werden diskret behandelt und auf Wunsch anonymisiert. Das Institut ist erreichbar unter kontakt@rosevallandinstitut.org und Tel. 0151 18067693.

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