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Die Geister scheiden sich: Was die documenta-Kunst für die Kirche St. Kunigundis bedeutet

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Von: Katja Rudolph

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Zwischen Leben und Tod: Die Skulpturen des Künstlerkollektivs „Atis Rezistans“ aus Haiti sind ein Publikumsmagnet, lösen bei einigen Besuchern der Kirche St. Kunigundis aber auch Irritationen aus.
Zwischen Leben und Tod: Die Skulpturen des Künstlerkollektivs „Atis Rezistans“ aus Haiti sind ein Publikumsmagnet, lösen bei einigen Besuchern der Kirche St. Kunigundis aber auch Irritationen aus. © Dieter Schachtschneider

Die Kunst rückt die seit Jahren verwaiste Kirche St. Kundigundis neu in den Blickpunkt: Das katholische Gotteshaus an der Leipziger Straße ist einer der am meisten beachteten Standorte der documenta. Das Zusammenspiel der teils morbide anmutenden Skulpturen mit dem maroden Kirchenraum ruft bei vielen Besuchern Faszination hervor, bei manchen aber auch Irritationen. 

Kassel – So viele Menschen wie in diesen Tagen haben sich seit Jahren nicht mehr in St. Kunigundis versammelt. Die katholische Kirche an der Leipziger Straße, in der Werke des Künstlerkollektivs Atis Rezistans aus Haiti ausgestellt sind, ist einer der Publikumsmagneten der documenta. Damit ist das Gotteshaus, das wegen schwerwiegender Schäden seit rund drei Jahren geschlossen war, erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Die Reaktionen

Zu sehen sind morbide anmutende Skelettfiguren, in denen neben Metall und Schrott zum Teil auch menschliche Schädel und Gebeine verarbeitet sind. An dieser Kunst, die auch von der Voodoo-Religion des karibischen Inselstaats beeinflusst ist, scheiden sich die Geister. Während Aufnahmen dieses documenta-Standorts in nahezu jedem Film- oder Fotobeitrag über die documenta zu sehen sind und viele Besucher und Kritiker begeistert sind, gibt es unter einigen konservativen Katholiken auch Befremden und bisweilen Entsetzen.

So gab es vor Eröffnung der documenta einen Zwischenfall mit einem Mann, der in den Ausstellungsraum eindrang, Videoaufnahmen machte und – geschockt über das, was er sah – die Künstler anherrschte: „You like satan?“ (Mögen Sie den Teufel?) und „Was hast Du gemacht mit meiner Kirche!“ Die Aufnahmen stellte er später ins Netz, wo sie teils heftige Kritik auslösten. Auch deshalb hat Pfarrer Martin Gies von der Pfarrei St. Antonius, zu der der Kirchort gehört, im Eingangsbereich einen einordnenden Text aufgehängt.

Die Haltung der Pfarrei

Auch er sei beim ersten Anblick der Skulpturen irritiert gewesen, sagt der Pfarrer. Doch je mehr er über die Künstler erfahren habe, desto mehr habe er sich den Werken angenähert. Er empfinde sie als Bereicherung, sagt Gies. „Sie haben viele Berührungspunkte zur christlichen Religion und den Themen Tod und Auferstehung.“ Auch in der Tradition der christlichen Kirche gab es seit jeher Darstellungen menschlicher Skelette, betont er. So seien in vielen katholischen Reliquien – auch in St. Kunigundis – Knochenfragmente von Heiligen verarbeitet. Gies sieht in den ausgestellten documenta-Skulpturen, die den Tod thematisieren, auch die Leidenschaft des Menschen für das Leben.

Die Künstler aus Haiti seien in ihrer Heimat in die katholische Kirche eingebunden, berichtet Gies, pflegten aber auch kulturell tief verwurzelte Rituale, so der Pfarrer. In der westlichen Welt sei Voodoo vor allem aus Gruselfilmen und Krimis bekannt und werde mit Püppchen in Verbindung gebracht, die mit Nadeln durchbohrt werden, sagt Gies. „Die positive Seite, in der es darum geht, spirituelle Energien zu nutzen, wird meist ausgeblendet.“

Der Kontakt mit den Künstlerinnen und Künstlern des Kollektivs sei von Anfang an von gegenseitigem Respekt und Wohlwollen geprägt gewesen, betont Gies. „Sie wertschätzen den Kirchenraum und sind sehr dankbar, dass sie hier ausstellen dürfen.“ Zunächst sei geplant gewesen, ein in weiße Tücher gehülltes Skelett auf dem Altar auszustellen. Als man dagegen Bedenken äußerte, sagt Gies, habe die Gruppe sofort Verständnis gezeigt. Die Skulptur steht nun ein paar Meter vor dem Altar. „Dies ist ein Heiliger Ort“, sagt der Künstler „L“ auf Englisch, dessen Werke ebenfalls in der Kirche ausgestellt sind. „Gott wirkt auf geheimnisvollen Wegen“, sagt der US-Amerikaner. „Vielleicht ist das hier eine bessere Weise, die Menschen zu erreichen als ein Gottesdienst.“ Tatsächlich musste die katholische Gemeinde im Vorraum noch nie so viele Kerzen zum Anzünden nachlegen wie in diesen Tagen.

Das Kirchengebäude

Für das marode Gotteshaus wirkt die documenta gewissermaßen wie eine Auferstehung. Durch die Ausstellungsmacher wurde das bröckelnde Gewölbe der 1927 eingeweihten Kirche aufwendig mit einem Netz gesichert, sodass sie wieder betreten werden kann. Seitens der katholischen Kirche waren bereits begonnene Renovierungsarbeiten 2020 gestoppt worden, als die Dimension der Schäden sich herausstellte. Eine Sanierung in Millionenhöhe sei angesichts der finanziellen Situation der Gemeinde und des Bistums derzeit nicht möglich, berichtet Pfarrer Gies, der vor knapp einem Jahr zusammen mit Pfarrer Thomas Meyer die Pfarrei übernahm.

Dank der Sicherungsmaßnahmen für die documenta wird die Kirche nun auch über die 100 Tage hinaus wieder nutzbar sein. Es gebe bereits erste Ideen, St. Kunigundis als einen Begegnungsraum im Bereich Kunst, Kultur und Kirche zu schaffen, sagt Martin Gies. Er würde sich freuen, „wenn wir den Kirchenraum öffnen, um mit der Gesellschaft in Kontakt zu treten“. Mit der Stadt Kassel habe es hierzu bereits erste Gespräche gegeben. „Die documenta ist wie ein Tor, das sich geöffnet hat, um eine Zukunftsperspektive zu finden“, sagt der Pfarrer. (Katja Rudolph)

Morbide Madonna mit Kind: Zu Füßen der Skulptur hat jemand an Mariä Himmelfahrt (15. August) einen Kräuterstrauß abgestellt. Die Segnung von Kräutern ist an dem katholischen Feiertag Tradition.
Morbide Madonna mit Kind: Zu Füßen der Skulptur hat jemand an Mariä Himmelfahrt (15. August) einen Kräuterstrauß abgestellt. Die Segnung von Kräutern ist an dem katholischen Feiertag Tradition. © Katja Rudolph
Martin Gies
Pfarrer Martin Gies © Katja Rudolph

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