Zwei HNA-Volontäre erleben den Alltag im Occupy-Lager vor dem Fridericianum

Zelten auf der Künstlermeile - eine Reportage

+
Campen auf dem Friedrichsplatz: Die HNA-Volontäre Kathrin Meyer und Sebastian Lammel haben ihr Zelt für 24 Stunden neben den Aktivisten der Doccupy-Bewegung aufgeschlagen.

Kassel. Theaterbesucher eilen vorüber, Touristen fragen nach dem Weg, vor dem Fridericianum stehen schräge Kunstliebhaber Schlange. Auf dem Rasen des Friedrichsplatzes stehen acht bunte Zelte. Ein Lager mitten in der Stadt.

Der Duft von Räucherstäbchen weht über den Platz. Auf der Terrasse eines Cafés spielt eine Liveband, ihre Musik übertönt die Autos auf dem Steinweg.

Noch ist es eine kleine Gruppe von Aktivisten, die dort gegen die Herrschaft des Kapitals protestieren, doch es werden täglich mehr. Für einen Tag, 24 Stunden, sind wir dabei.

Wie die Tiere im Zoo

Doccupy, das ist Camping mit Occupy-Aktivisten auf der documenta. Doccupy, das ist ein bißchen wie Zoo. Wir fühlen uns wie Tiere im Käfig. Wäre das Camp von Scheiben umgeben, würden sich Besucher die Nasen daran plattdrücken. Die Menschen in der Schlange vorm Fridericianum tuscheln und zeigen auf uns. Viele fragen, ob das Lager Teil der großen Kunstschau ist. Eine Gruppe Jugendlicher zückt die Fotohandys.

Christoph Reith stört das nicht. Bereits vor drei Tagen hat der Aktivist mit der grünen Kappe sein Zelt hier aufgeschlagen. „Transparenz und Aufklärung sind der Kern unserer Bewegung“, sagt der 26-jährige gelernte Bäcker aus dem Schwalm-Eder-Kreis und greift zum Nassrasierer. Als Spiegel für die Morgendusche dient ihm ein spiegelndes Logo der Deutschen Bank. Ein Souvenir von der Hauptversammlung, auf der Josef Ackermann vom Vorstandsvorsitz der Bank zurückgetreten ist. Reith war dort, in Frankfurt, im größten deutschen Occupy-Camp.

22 Stunden vor dem Fridericianum

Nach der Rasur gibt es frischen Kaffee im Zeltlager. Ohne Filter, direkt in einem Becher aufgebrüht, der schon für einige Heißgetränke herhalten musste. Das Wasser kommt von einer Gaskochplatte. „Nur 12 Euro, ein Schnäppchen“, sagt Reith. Die Lebensmittel teilen sich die Bewohner, wie fast alles im Lager. Das ist selbstverständlich in der Campkommune.

Wer dazustoßen möchte, wird freundlich empfangen. Egal ob Schüler, Touristen oder auch wir als Journalisten. Viel haben sie nicht, aber sie sind zufrieden damit. Eine Flaschensammlerin fragt nach Pfand – „wir haben alles, nur kein Geld“, antwortet Daniel Daferner. Der 26-jährige Student aus Kassel trägt einen Irokesenschnitt. Er und Christoph Reith kennen sich aus der Frankfurter Occupy-Bewegung.

„Wir haben dort schon schlimme Erfahrungen mit den Medien gemacht, aber wollen unsere Intention ja auch nicht nur für uns behalten“, sagt der Kasseler. Am liebsten läuft er barfuß. Regen macht ihm nichts aus. Wenn es doch etwas kühler wird, werden im Notfall selbst gestrickte Wollsocken angezogen.

Ein bisschen kalt ist auch sechs Kunststudenten aus Salamanca. Die Spanier stehen am Morgen bibbernd und verschlafen um den weißen Campingtisch zwischen den Zelten und essen Schokolade. Sie sind für zwei Tage in Kassel. Andere Schlafmöglichkeiten waren ausgebucht, da haben sie sich ein Zelt gekauft und im Camp übernachtet.

Lag am Freitag über den Zelten noch ein Hauch von Urlaubsflair, macht uns das Wetter am Samstag zu schaffen. Wir packen unser Zelt nach 22 Stunden wieder zusammen. Die abgehärteten Aktivisten bleiben.

Von Kathrin Meyer und Sebastian Lammel

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.