Szenen einer Ausstellung

Zur Halbzeit der d14: Schüttelnde Künstler, Gummipuppe und ein Wagnis

Hingucker: Die mittlerweile verbrannte Körperturm-Skulptur Foto: Malmus

Kassel. Halbzeit bei der documenta – die Besucherzahlen sind so gut wie nie. Doch: Wer sind die Besucher? Wir tragen Eindrücke aus den ersten 50 Tagen zusammen – eine Sammlung von Kuriositäten.

Das Aufsichtspersonal bei der documenta muss es wissen: Es gibt nichts, was man Ausstellungsbesuchern nicht zutrauen könnte. Da gibt es Ende Juni in der Neuen Hauptpost doch tatsächlich einen dunkel gelockten Typen, der zielstrebig auf die mehrstöckige Körperturm-Skulptur von Daniel Garcia Andújar zugeht, eines der Holzmodule inklusive Pappmaché-Figur in die Hand nimmt und prüfend schüttelt.

Nach einigen Sekunden rauscht ein fassungsloser Aufpasser heran und erinnert noch überraschend freundlich daran, dass diese Objekte in diesem Raum nicht zum Schütteln da sind. Der dunkel gelockte Typ stellt sich als Daniel Garcia Andújar vor. „I’m the artist“, sagt er, und für einen Moment ist unklar, wem von beiden die Situation unangenehmer ist.

Andújar stellt das Skulpturteil trotzdem sorgfältig und ein wenig beschämt zurück. Am Abend wird seine Skulptur rituell im Nordstadtpark verbrannt. Soviel zum achtsamen Umgang mit Kunst.

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Bei Veranstaltungen der d 14 hat man (leider) öfter das Gefühl, einer internen Versammlung von eingeweihtem Kunstpersonal beizuwohnen. Bei der Performance-Reihe in den Henschel-Hallen ist das jedoch anders. Bei der letzten Hausbau-Vorführung der Französin Phia Ménard hat sich ein Publikum aller Altersklassen und Modegeschmäcker auf dem Industrie-Gelände an der Wolfhager Straße eingefunden. Ein älteres Paar erkundigt sich am Kassentisch in breitem Nordhessisch, ob es noch Karten gibt. Gibt es. Die Frau klatscht in die Hände und fragt ihren Mann, ob sie reingehen sollen. Ihr Begleiter scheint nicht ganz überzeugt und murmelt, dass er nicht wisse, ob das was für ihn sei. Doch die Frau hat inzwischen Feuer gefangen und schiebt Geld über den Tisch. „Los, Gerhard“, sagt sie aufgeregt. „Wir machen das jetzt. Man muss auch mal was wagen.“

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Nicht alle Menschen, die die verhüllte Torwache erblicken, sind von den Säcken beeindruckt. Ein Mann geht mit einem Mädchen und Jungen an der Torwache vorbei und erklärt den Kindern, dass dies ein Kunstwerk sei. Der kleine Junge, der mit seiner Schildmütze aussieht wie Michel von Lönneberga, schaut auf die Säcke und sagt: „Die sind doch nicht mehr ganz dicht.“ Darauf erwidert der Mann nichts mehr. Das Trio geht weiter.

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Kurz mal ins Café Nenninger an einem Samstagnachmittag. Vorbei am Parthenon, aber was ist das? Ein Mann – man muss es so sagen – besteigt eine Skulptur auf dem Friedrichsplatz, er räkelt sich, er streckt sich. Er liebt die Skulptur, und bevor die Idee aufkommt, mal schnell bei der Polizei den Vorfall zu melden, kommt der Gedanke: So also geht Ökosex.

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Wilhelmshöher Allee, ein Sonntagabend im Auto. Die Ampel ist rot, von rechts kommt ein Fußgänger. Aber was heißt Fußgänger? Der Mann sieht aus, als habe er seit Woodstock einfach durchgemacht und sei nun zufällig in Kassel gelandet. Er schiebt ein Gefährt, das mehr ist als ein Fahrrad, aber weniger als ein Auto – ein irgendwie Alles mit Nummernschild.

Darauf steht: KS – doc 14. Irgendwie voll abgefahren. So wie die gesamte documenta.

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