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Zwischen Peitsche und Techno-Musik: Party Office kehrt mit Live-Programm zurück zur documenta nach Kassel

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Von: Anna-Laura Weyh

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Im Gewölbekeller in der Werner-Hilpert-Straße 22: Das Kollektiv Party Office organisiert Club-Abende, die Räume für queere Gemeinschaften ermöglichen sollen.
Im Gewölbekeller in der Werner-Hilpert-Straße 22: Das Kollektiv Party Office organisiert Club-Abende, die Räume für queere Gemeinschaften ermöglichen sollen. © pia malmus

Nach queerphoben Vorfällen hatte das Künstlerkollektiv Party Office im WH22 sein Live-Programm auf der documenta beendet. Nun sind sie wieder zurück.

Kassel – Das blaue Neonlicht lässt die Mauern im Treppenhaus unnatürlich kalt erscheinen. Techno-Beats dröhnen dumpf und durchdringend bis hoch zum Eingangsbereich, sodass der ganze Körper vibriert. Immer weiter geht es die Stufen hinab in den alten Gewölbekeller in der Werner-Hilpert-Straße 22.

Hier findet mit einer BDSM-Party nach mehr als vier Wochen wieder das erste öffentliche Event des Party Office statt, bei dem gemeinsames Vergnügen an erster Stelle steht und sexuelle Vorlieben frei ausgelebt werden können. Das indische Kollektiv ist zurück mit seinem Live-Programm auf der documenta, nachdem es nach queerphoben Angriffen seine Performances unterbrochen hat und einige Künstler die Stadt Kassel sogar verlassen haben.

Die im Untergrund liegenden Partyräume füllen sich nur langsam. Denn bis die Menschen den Keller betreten dürfen, dauert es etwas. Mitarbeitende erklären die geltenden Verhaltensregeln. Das Kollektiv möchte in dem documenta-Ausstellungsort WH22 einen sicheren Raum für queere Menschen schaffen – also für Personen, deren geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung nicht der heterosexuellen Norm entspricht.

So bieten die Räume Platz zum ausgelassenen Tanzen, aber auch Rückzugsmöglichkeiten für sexuelle Begegnungen. Dazu sind im WH22 überall Separees durch dicke rot-durchsichtige Plastikplanen abgehangen, in denen Peitschen und Handschellen in Gitterkäfigen neben großen Polsterflächen bereitliegen. Auch eine breite Holzschaukel mit schweren Metallketten gibt es.

Nach den Auseinandersetzungen und diskriminierenden Vorfällen, was auch überregional für Schlagzeilen sorgte, hatten die Künstler zunächst ihr Programm unterbrochen. „Wir veranstalten aber auch einige Events in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern oder Projekten, die wir jetzt nicht hängen lassen wollen“, sagt ein Mitglied des Party Office, das nicht mit Namen genannt werden möchte.

Um die kooperierenden Künstler weiter zu unterstützen, hat sich das Kollektiv dazu entschieden, die Veranstaltungen fortzuführen. Allerdings sind die Einlassregeln für das Live-Programm des Party Office nun verschärft. Weiße Cis-Männer – also weiße, heterosexuelle Männer, die sich bereits seit ihrer Geburt als Mann definieren – dürfen nur noch an Veranstaltungen teilnehmen, wenn eine andere Person aus einer für die Party zugelassenen Gruppe für sie bürgt. Auch das Fotografieren in den Innenräumen des WH22 ist nicht erlaubt.

Den bevorstehenden öffentlichen Veranstaltungen blickt das Kollektiv mit gemischten Gefühlen entgegen. „Wir werden immer wieder mit rassistischen Begegnungen am Eingang konfrontiert. Es braucht wirklich Energie, um dort stehen zu können“, sagt der Künstler. Dankbar sei das Party Office über die Unterstützung lokaler Gruppen.

Diese helfe ihnen weiterzumachen. Von der documenta aber haben sich die Künstler mehr Rückhalt gewünscht – auch weil einige Diskriminierungen laut Party Office angeblich von Mitarbeitenden der documenta ausgegangen sein sollen. „Es ist vieles schiefgegangen. Es scheint sich aber nun positiv zu entwickeln, nachdem sich die documenta-Geschäftsführung geändert hat“, so das Kollektiv-Mitglied. Nun gebe es klare Zeichen von der Kunstschau.

Eine Sprecherin der documenta sagt dazu auf HNA-Anfrage: „An den Erlebnissen ist deutlich geworden, dass es auch in Kassel Alltagsrassismus gibt. Wir stehen als Gastgeber in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass niemand sich bedrängt oder gar gefährdet sieht.“ Die documenta wolle, wenn nötig, Konsequenzen ziehen und Wiederholungsfälle vermeiden. Das soll helfen, das Vertrauen wiederherzustellen.

Für die Künstler des Party Office hat sich in den vergangenen 50 Tagen documenta alles verändert. Kassel ist von einem Ort der Begegnung zu einem Ort geworden, an dem sie sich nicht sicher fühlen. Im WH22 selbst ist diese Veränderung kaum zu sehen. Es gibt dort nur einige Schriftzüge mehr als zu Beginn der Kunstschau. Ein Statement ist wohl bezeichnend für die Situation der Künstler. „Wir haben nicht aufgehört und wir werden niemals aufhören“, steht da mit weißer Farbe geschrieben.

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