Kommentar zur Dokfest-Eröffnung: Kaum zu ertragen

Kassel. "Europa - Ein Kontinent als Beute" von Christoph Schuch lief als Eröffnungsfilm des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests. Eine Fehlentscheidung, findet Mark-Christian von Busse.

Von unseren „postfaktischen“ Zeiten war in Clemens Camphausens launiger Moderation der Eröffnung des Dokumentarfilm- und Videofests viel die Rede: der beängstigenden Entwicklung, dass sich politische Debatten zunehmend von nachprüfbaren Tatsachen lösen und stattdessen immer mehr rein auf Gefühlen basieren. Rechte Populisten machen sich diese Emotionalisierung gern zunutze. Leider gab das Festival sogleich selbst ein bedenkliches Beispiel für eine solche „postfaktische“ Manipulation von Emotionen – allerdings von links. So weit links, dass da die rechten Ränder schon wieder in Sichtweite sind. Christoph Schuchs Eröffnungsfilm „Europa – Ein Kontinent als Beute“ über die Finanzkrise war dermaßen suggestiv, sprunghaft, oberflächlich und pauschal, dass er kaum zu ertragen war, den durchaus eindrucksvollen Bildern aus Portugal oder Spanien zum Trotz.

Filmemacher Schuch setzte auf zweifelhafte „Experten“, die alle Zeit der Welt bekamen, krude Theorien beispielsweise von inszenierten Attentaten auszubreiten: Bei Börsenmakler Dirk Müller und dem Schweizer Historiker Daniele Ganser („Die Nato-Geheimarmeen“) genügen wenige Mausklicks, um festzustellen, dass beide als Verschwörungstheoretiker äußerst umstritten sind. Eine entsprechende Nachfrage bügelte Filmemacher Schuch patzig damit ab, der Begriff Verschwörungstheorie stamme von der CIA. Dass seine Protagonisten zuletzt Russlands Präsident Putin als Friedensstifter priesen, passte da nur ins einseitige Bild.

Wie um alles in der Welt hat dieser Film die Auswahlkommission passiert? Das Dokfest steht sonst regelmäßig für beeindruckende und berührende Kinoerlebnisse. Seine Eröffnung ist einer der Höhepunkte im Kasseler Kulturkalender. Um es klar zu sagen: Dieser Film war eines Dokfest-Auftakts unwürdig.

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