Das Museum für Sepulkralkultur Kassel zeigt die beklemmende Schau „Galgen, Rad und Scheiterhaufen“

Dokumente der Grausamkeit

Im Jahr 1803 hingerichtet: Das mutmaßliche Skelett des Räubers „Schinderhannes“ und das des „Schwarzen Jonas“. Fotos: Zucchi/dpa

Kassel. Am Galgenberg, Am Pranger, Galgenacker oder Richtsberg - auf ein düsteres Kapitel der Rechtsgeschichte weisen noch heute Straßennamen und Flurbezeichnungen hin. Im Kasseler Museum für Sepulkralkultur wird heute eine beklemmende, aber eindrucksvolle Ausstellung eröffnet, die sich den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Richtstätten, den Strafen, Verurteilten und Vollstreckern widmet. Wer sie gesehen hat, wird die beliebten Mittelalter-Märkte künftig mit zwiespältigeren Gefühlen besuchen.

Die Schau, die im Neanderthal-Museum Mettmann konzipiert und für Kassel ergänzt wurde, nimmt eine Vielzahl Themen in den Blick - von der Faszination des Tötens, wie sie auch in Spielfilmen und Comics deutlich wird, zur Archäologie der Richtplätze, von der Herausbildung von Rechtsinstanzen über die „peinlichen Befragungen“, also die Versuche, in „Fragstätten“ durch Folter Geständnisse zu erzwingen, bis zur sozialen Rolle der Scharfrichter. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Taschenlampen-Führungen, Dinner-Lesungen und Spaziergängen zu früheren Orten des Grauens, die auf einem Kasseler Stadtplan verzeichnet sind.

Manche Exponate lassen schaudern: Richtblock und Beil, Schwerter, Folterinstrumente wie Daumenschrauben und Zangen, ein abgebrannter Scheiterhaufen, Schandmasken, eine abgeschlagene Hand, die Nachbildung eines Rades, auf das Verurteilte geflochten wurden, ein Galgen. Zu sehen sind das mutmaßliche Skelett des Räuberhauptmanns „Schinderhannes“ wie das seines Kompagnons, des „Schwarzen Jonas“, und die Replik des Schädels des Piraten Klaus Störtebeker.

Vieles, was Kustodin Ulrike Neurath-Sippel berichtet, klingt kaum glaublich, ja bizarr: dass Hinrichtungen Massen-Spektakel waren, die Zuschauer vom Scharfrichter verlangten, dass „der erste Schlag sitzt“ (es kam vor, dass Henker nach ihrem Versagen gelyncht wurden), dass die Köpfe von Exekutierten zur Abschreckung auf Steinsäulen platziert wurden, ihre Leichen mit Hundeknochen bestattet wurden.

Museumsleiter Reiner Sörries warnt davor, die Grausamkeiten nur mit distanzierter Abscheu zu betrachten. Wir könnten uns in manche mittelalterliche Vorstellungen von Recht, Schuld und Sühne heute kaum noch hineinversetzen. Die andererseits - wenn man an das voraufklärerische islamische Recht, die Scharia, denke - von uns gar nicht so weit entfernt seien. Brutale Bestrafungen seien nicht nur Willkür, sondern der Versuch gewesen, das Zusammenleben, das gesellschaftliche Miteinander zu regeln. Sörries: „Es gibt auch heute noch solche Disziplinierungsmaßnahmen.“

In über 60 Staaten, auch das erfährt man, wird heute die Todesstrafe angewendet, die Zahl der jährlichen Hinrichtungen geht in die Tausende. Wenn man die Ausstellung verlässt, hat man ein Zitat des letzten britischen Scharfrichters, Albert Pierrepoint (1905-1992), im Kopf: „Ich glaube, dass keine einzige von Hunderten Hinrichtungen in irgendeiner Weise der Abschreckung gegen zukünftige Morde diente.“

Von Mark-Christian von Busse

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